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Kleinste Kanonen-Kaliber in Hohenlinden 1800?

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  • #16
    Massen der Kartätschenkugeln

    Scharnhorst, Handbuch für Offiziere, Band 1, Artillerie, schreibt in §25:

    Das Gewicht [i.e. Masse] der Kartätschenkugeln ist bei den verschiedenen Artillerien sehr verschieden. Gewöhnlich wiegt jede Kugel soviel Lot, als der Kaliber des Stücks Pfund hält.
    Nach dieser Regel wird ein 12-pfündiges Geschütz mit 12 löthigen (ca. 154g) Kartätschen geladen, mithin also 36 Kartätschkugeln, was dem Geschoßgewicht der eisernen Vollkugel entspricht. Für das Beispiel im vorigen Beitrag paßt ein 6-pfünder ganz gut, wir haben also 36 x 6 löthige Kartätschen. Gibt es da Richtwerte, wie gut das stimmt?

    Ferner werden Drouot's 1-pfündige Kartätschkugeln durch Scharnhorst bestätigt:

    Um jedoch auf größere Entfernungen ebenfalls Kartätschen brauchen zu können, wo die Wirkung der kleineren Kugeln unbedeutend wird, nimmt man wohl auch größere Kugeln, deren Gewicht 1/16 oder 1/12 des Kalibers beträgt.
    Q.E.D.



    LB
    Zuletzt geändert von Blesson; 14.12.2006, 23:17.
    Do, ut des

    http://www.ingenieurgeograph.de

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    • #17
      Schönes Zitat über matte Kartätschenkugeln aus dem Feldzug von 1793, beobachtet von Ludwig v. Reiche, Memoiren, Band I, Berlin 1857, S. 58:

      Ich erinnere mich, als ich hier zum ersten male ins Kartätschenfeuer kam, und vor mir auf der Erde etwas wie Mäuse durcheinanderkräuselt, auch kleine Staubwirbel aufstiegen, ich ganz verwundert nachdachte, was das sein könnte, dann aber einen heiligen Respekt bekam, als ich hörte daß es Kartätschen seien. Ich leugne nicht, bei dem Worte "Kartätsche" durchzog mich kein kleiner Schauer.
      LB
      Do, ut des

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      • #18
        Hallo Allesamt,

        ich denke mal, dass eine Kanonenkugel durch Abschuss und Aufschlag auch etwas an Masse verloren haben könnte und bei Bodenfunden kommt dann natürlich noch der Masseverlust durch Korrosion hinzu. So dürfte das ursprüngliche Gewicht leider nicht mehr exakt zu ermitteln sein.

        Hier ist übrigens noch eine interessante (Englische) Seite über Artillerie: http://napoleonistyka.atspace.com/artillery_tactics.htm

        Viele Grüße,
        Günter
        "But Linden saw another sight, when the drum beat at dead of night,
        commanding fires of death to light the darkness of her scenery." (Thomas Campbell)

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        • #19
          Zum Massenverlust:

          Beim Abschuß und Aufprall geht kaum Masse durch Abrieb verloren - das können wir nach so langer Zeit getrost vernachlässigen; das Ausmass der Korrosion hängt von der Lagerstätte ab. Wir haben Extreme zwischen Salzwasser und absoluten Luftabschluß in Sümpfen, wo sich nur durch Säuren etwas tun könnte. Je ungünstiger das Verhältnis von Fläche zu Volumen ist, desto weniger kann sich Korrosion auswirken. Praktisch heißt das, daß bei den kleineren Kartätschkugel wohl ein Masseverlust im Prozentbereich liegen könnte, bei den größeren Vollkugeln oder Bomben viel weniger. Wäre schön, wenn das hier einer der Altmetallexperten mit Zahlen belegen könnte. Dann könnte man einen Korrekturfaktor in die Berechnungen mit einbeziehen.

          So lange man aber nichts anderes hat, taugt die Kaliberabschätzung über Massen sehr wohl zu einer ersten Klassifizierung.

          LB
          Do, ut des

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          • #20
            Hier war die ganze Zeit nur von Kartätschen die Rede. Gab es zur "napoleonischen" Zeit (im engen Sinne) die Unterscheidung zwischen Traubenhagel und Kartätschen bei der Feldartillerie nicht mehr? In den 1790ern muß das wohl noch der Fall gewesen sein. Bislang war ich immer davon ausgegangen, daß Traubenhagel aus relativ großen gußeisernen Rundkugeln bestand, die auf einem Gestell mit einer Art Treibspiegel befestigt waren, Kartätschen hingegen kleinkalibrigere (bleierne) Geschosse beinhaltete, früher in Beuteln und später in Büchsen usw.
            Um einmal mehr auf die Marine hinzuweisen gab es dort weiterhin diese Unterscheidung von "Traubenhagel" (grape shot) und "Schrotbüchse" (canister/case shot), wobei anscheinend der Traubenhagel wichtiger war, denn davon hatte eine englische Fregatte (ca 1810/15) für jeden 18-Pfünder 50 Schuß an Bord, vom "case shot" lediglich 10 für jede lange Kanone.
            Leider habe ich gerade keine zuverlässigen zeitgenössischen Angaben über die Gewichte der Kugeln greifbar, lediglich aus einem modernen Buch jene, daß die britischen Traubenhagelkugeln aus Eisen und von 1.5 inch Durchmesser gewesen seien, case shot habe aus kleineren bleiernen Kugeln bestanden habe.
            Vielleicht kann hier jemand noch ein wenig Klarheit bzgl. der Unterscheidung von Traubenhagel und Kartätsche bringen, bzw. darüber, ob "Kartätsche" als überhaupt Oberbegriff für eine gewisse Art von Munition gebraucht wurde.
            >> Line of Battle - Seekrieg gegen Napoleon <<
            Geschichte, Segelschiffe, Fachbücher, Wargame & cetera

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            • #21
              Scharnhorst schreibt im Handbuch der Artillerie, Band 1, Hannover 1804 §24, S. 152:

              Eine Kartätschenbüchse enthält bei der Französischen Artillerie 41 Kugel, von denen jede so viel Loth wiegt, als die eigentliche Kanonenkugel Pfunde. Mithin wiegt die Cartätschkugel des 4pfünder 4 und des 12pfünders 12 Loth. Doch hat man noch eine kleinere Sorte von Kugeln bei der französischen Artillerie, von welchen in eine Büchse bei dem 12pfünder 112 Stück kommen....

              Man hat jetzt fast durchgehend die Traubenkartätschen abgeschaft. ...

              Die jetzige Einrichtung der Cartätschen ist vielleicht keiner Verbesserung mehr fähig. Es frägt sich indes, welche Größe der Kugel die vortheilhafteste sey? ...
              Frägt sich der Nachgeborene nun, warum die Traubenkartätschen zugunsten der Büchsenkartätschen abgeschafft wurden. Meine Thesen dazu:
              • Umständlicherer, aufwändigere & kostspieligere Fertigung
              • Keine überlegene Wirkung gegenüber den Büchsenkartätschen, welche die Mehrkosten rechtfertigt
              Kartätsche ist also der Überbegriff; nur größere Kartäschenkugeln wie z.B. die 12löthigen werden zu Trauben gebunden; diese können gleichfalls für Büchsenkartätschen verwendet werden.

              Scharnhorsts Feststellungen beziehen sich nur auf die Landartillerie - bei der Marine mag es ganz andere Verwendungen gegeben haben.

              LB
              Zuletzt geändert von Blesson; 19.12.2006, 22:48.
              Do, ut des

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              • #22
                Zitat von Blesson Beitrag anzeigen
                Frägt sich der Nachgeborene nun, warum die Traubenkartätschen zugunsten der Büchsenkartätschen abgeschafft wurden.
                Hallo Blesson,

                in meinem Buch "Weapons and Equipment of the Napoleonic Wars" steht, dass die Trauben-Kartätschen (grapeshot) für die Feldartillerie praktisch abgeschafft wurden, da sie die Kanonenläufe zu sehr in Mitleidenschaft ziehen würden. Allerdings würden sie noch auf Schiffen verwendet, was daran liegen könnte, dass hier (primär) Rohre aus Eisen und nicht aus Bronze verwendet werden.

                Viele Grüße,
                Günter
                "But Linden saw another sight, when the drum beat at dead of night,
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                • #23
                  Bei der Landartillerie scheint der Traubenhagel jedoch auch nicht endgültig verschwunden zu sein. Ich meine mich daran zu erinnern, daß es ihn im Sezessionskrieg noch gab.
                  Die Einzelkugeln für Marine-Traubenhagel waren z.T. ziemlich schwer, für die größten Kaliber (32- und 42-Pfünder) sollen Kugeln von bis zu drei oder vier Pfund verwendet worden sein, insgesamt bildeten neun davon einen Traubenhagel. Ob das von dem Kugel- und Bohrungsmaßen her hinhaut, wäre ja zu überprüfen.
                  Obwohl die (empfohlene) Schußweite des Traubenhagels angeblich nicht über jene der Kartätschen hinausging (500 Yards), könnte der besondere Nutzen des Traubenhagels darin gelegen zu haben, leichtere Aufbauten und die Finknetze incl. Hängematten (Kugelfang zum Schutz der Mannschaften) wegreißen zu können, wo Geschosse von der Größe von Musketenkugeln steckengeblieben wären. Mit den verhältnismäßig großen Eisengeschossen wird auch noch eine gewisse Splitterwirkung beim Auftreffen auf Holz zu erzielen gewesen sein (ein stets wichtiger Aspekt bei Schiffsgefechten), und die Wirkung auf die Takelage wäre jedenfalls größer gewesen als bei einer Vollkugel.
                  Tatsächlich scheint wohl "Kartätsche" doch nicht der Oberbegriff für diese speziellen Anti-Personen-Geschoßarten gewesen sein.
                  >> Line of Battle - Seekrieg gegen Napoleon <<
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                  • #24
                    Meine Lieben,

                    Um die Frage zu beantworten, welches denn die größten Kartätschkugeln für Traubenkartätschen gewesen sein könnten, die bei einem vorgegebenen Kaliber in ein Rohr passen, macht man eine elementare geometrische Überlegung:


                    Fall 1: Man könnte meinen, daß man 2 Kartäschkugeln R`= R/2 nimmt, die das halbe Kaliber R der Vollkugel haben. Damit könnte man 2 Kartätschkugeln in einer Ebene in das Rohr packen, mehr jedoch nicht. Nicht sehr günstig, da sich keine Achse montieren läßt, oder die Wickelung nicht ganz einfach sein drüfe, und daher nicht praktiziert.


                    Fall 2: Die nächste, erheblich günstigere Packung ist offensichtlich diejenige, bei der drei Kartätschkugeln auf einer Ebene in das Rohr passen. Die darunterliegende Schicht wird um 60° versetzt angeordnet, so daß sich die dichteste Kugelpackung um die Achse herum ergibt. Bei dem o.g. Traubenhagel von 9 Kugeln ergibt dies 3 Schichten.
                    Eine elementare Überlegung zeigt, daß sich der Kaliber R’ der Kartätschkugel zum Kaliber R verhält wie


                    R’= R/(1 + 1/sin 60°) = R * 0,464


                    Beispiel: bei einem 32 Pfünder haben wir ein Kaliber von 15,76cm. Das macht bei obiger Formel
                    R’ = 7,31cm und schließlich bei der normale Wichte von Gußeisen eine Masse von ca. 1,49 kg = 3,19 Pfund (pr)


                    Verallgemeinerung: Für n Kugeln haben wir R’ = R/(1 + 1/sin (180°/n)); für sehr große n näherungsweise R' = R * sin (180°/n)


                    Die Behauptung, daß die Traubenkartätschen 3-4 Pfund beim größten Kaliber 32 Pfund betragen haben soll, stimmt in etwa mit den berechneten Pfunden überein.

                    LB
                    Zuletzt geändert von Blesson; 23.12.2006, 01:43.
                    Do, ut des

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