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Festungsmauern

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  • Festungsmauern

    Ob mein Thema unter die Rubrik "Wissenschaft" fällt, mag man anzweifeln - aber da es keine eigene Kolonne Fortifikationswesen gibt (glaube allerdings, dass man eine solche auch nicht zwingend braucht) und ich gerade hier die Aufmerksamkeit eines sehr geschätzten Fachmannes dieses Gebietes zu erregen hoffe, meine Frage hier und jetzt:

    Waren die Mauern im Festungswesen ab Vauban immer geneigt oder gab es auch gerade abfallende Mauern?

    Ich trage mich nämlich mit dem Gedanken, einen vereinfachten Teil einer sehr vereinfachten Stadtbefestigung im Modell darzustellen - schiefe Mauern wären da schwerer zu machen, aber ganz falsch will ich es auch nicht machen.

    Für Antworten dankt ein in rebus fortificationibus kaum bewanderter (Infanterie-) Corporal

  • #2
    Im allg. würde ich sagen, dass die (hohen) Hauptelemente (Bastion, Courtine, Ravelin) Mauern mit Neigung hatten.
    Ausnahmen konnte es geben, z.B. wenn ältere Werke inegriert wurden.
    War ein Werk sehr niedrig, z.B. nur für Inf. zwischen zwei Bastionen, so konnten die Mauern auch gerade sein.

    (Bin auch nur Laie)



    PS: Schönes Musterbeispiel: Neu-Breisach im Elsass.
    Je l'ay emprins

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    • #3
      Aus statischen Gründen hatten die Escarpen-Mauern immer eine Neigung von 80 bis 85 Grad. Nur bei älteren Festungen, meist der italienischen Manier, bis ca. 1700 wurde das Mauerwerks oberhalb des Cordons senkrecht ausgeführt. Bei den späteren Festungen entfiel in der Regel das Mauerwerk auf dem Cordon, d.h. von der Feldseite waren nur noch die geschoßdämpfenden Erdböschungen sichbar, während das Mauerwerk unterhalb des Cordons weiterhin die Sturmfreiheit gewährleistete.

      Das Profil verjüngte sich also vom Fundament bis zum Tablett. Wählt man geringere Neigungen, ließe sich das Mauerwerk nicht mehr so einfach ausführen und wäre nicht mehr ganz so sturmfrei, würde also das Anlehnen von Sturmmitteln (Leitern etc.) erleichtern.

      Dafür sind die ff. Gründe maßgebend:

      1) Die Mauerschale fängt den dahinterliegenden Erddruck auf.
      2) In Verbund mit dem Stützbögen, die den Druck der Mauerschale abfangen, ergibt sich eine besonders stabile Konstruktion.
      3) Beim Beschuß (Breschieren) oder Minieren kippten die abgesprengten Mauerschalen eher zur Wallseite, stürzten daher nicht so so schnell in den Graben, um so eine gangbare Bresche für den Sturm zu geben. Es kann immer nur ein Segment zwischen den Stützbögen abrutschen.

      Die Statik, besonders die Theorie des Erddrucks, war noch in allerersten Anfängen begriffen. Die Empirie, also die Erfahrung der Baumeister, hatte allerdings schon den richtigen Weg gewiesen. Auch heute noch werden Stützmauern mit leichter Neigung zum Hang konstruiert.


      Eine Bastionspitze der Wülzburg



      Wallprofil nach Vauban, Traité de l'Attaque des places, 1707



      Meine Modelle, zu sehen unter ingenieurgeograph, weisen die o.g. Wallprofile auf.

      LB
      Zuletzt geändert von Blesson; 06.08.2007, 07:23.
      Do, ut des

      http://www.ingenieurgeograph.de

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      • #4
        Es dankt ergebenst der Corporal, der sich wegen derzeitiger Anwesenheit im ottomanischen Reich (nein, natuerlich kein Urlaub, sowas gibt es nicht fuer einen UO) erst spaeter weiter vertiefen wird.

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        • #5
          Werter Blesson,

          da kennt Ihr doch sicher den napoleonischen Brückenkopf in Jülich? Ich war vor wenigen Tagen dort und es hat mir zumindest landschaftlich sehr gefallen. Gerne lade ich noch weitere Bilder hoch.

          Ob die Bauten dort typisch für ihre Zeit sind, das werdet Ihr besser beurteilen können. Auf den ersten Blick erscheinen mir die Mauern dort recht gerade.

          Leider hatte ich keine Zeit mehr für die Zitadelle. Aber dafür ist Jülich auch nur eine knappe Stunde entfernt und wird demnächst bestimmt wieder ein Ziel sein.

          Mit freundlichen Grüßen,
          Threepwood

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          • #6
            Threepwood,

            Das ist eine wieder eine Sache der STatik: Beim Jülicher Brückenkopf handelt es sich auch nicht um eine ordinäre Futtermauer (Escarpenmauer), die den Erddruck des Walls abfangen soll, sondern um eine Dechargengalerie, deren dahinterliegende Gewölbe den Druck der Erdabdeckung aufnehmen. Die Erdabdeckung der Dechargengalerie muß nur bombenfest sein, d.h. sie beträgt um die 10 Fuß. Die offenstehende Variante der Dechargengalerie, mit oder ohne Stützbogen, also die krenelierte Mauer oder Carnotsche Mauer zur infanteristischen Verteidigung eines Grabens oder eines Abschnitts, der gegen direktes Artilleriefeuer gedeckt ist, wird ebenfalls immer senkrecht aufgeführt.

            Der Jülicher Brückenkopf ist insofern etwas besonderes, weil er das einzige vollständig erhaltene Beispiel der napoleon. "Front moderne" auf deutschen Boden ist. Weitere Reste sind in Torgau zu sehen, in Wesel, Magdeburg und Mainz ist mir dergleichen nicht bekannt. Hier wird nämlich die Trennung von Nah- und Fernverteidigung vollzogen, d.h. die Grabenverteidigung durch das Kleingewehrfeuer der Galerien, und die artilleristische Verteidigung des Vorfeldes von den Wällen herab, wobei sogar einige Geschütze in Hohltraversen Aufstellung finden. In älteren Festungen bis ca. 1750 findet dagegen die Verteidigung überwiegend vom Wall herab statt.

            Prominente Beispiele für Carnotsche Mauern sind bei den Festungen aus der Zeit des deutschen Bundes zu sehen: also Germersheim, Ingolstadt, Ulm, Koblenz etc.

            LB
            Zuletzt geändert von Blesson; 09.08.2007, 16:14.
            Do, ut des

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            • #7
              Darf mir noch eine Zusatzfrage erlauben:

              Die Mauern selbst waren aus diversen - wohl den örtlich vorhandenen - Steinen gebaut.
              Was aber wurde "oben" verwendet? Dieselben Steine oder etwa Dachziegel?

              Hoffe trotz der unexakten Ausdrucksweise - die mir der hochgeschätzte Blesson verzeihen möge - auf eine aufschlussreiche Antwort und danke dafür ergebenst.

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              • #8
                Mein bester Caporal,

                Die Futtermauern (Escarpen) wurden, wie ganz richtig oben bemerkt, aus dem lokal vorhandenen Gesteinen, meist auch nur Bruchmauerwerk, errichtet. Wenn kein Gestein verfügbar war, wurden Ziegel im Verbund verwendet.

                Tore, Poternen, Scharten, Tabletts, Treppen und Ausspringende Kanten (Saillants) wurden mit härterem, besonders zugehauenen STeinwerk gemauert.

                Die Mauerkrone wurde oben mit sog. Tabletts aus Steinplatten abgedeckt, um das Einsickern von Wasser zu verhindern (Verwitterung durch Frost, Eindringen von Wurzeln). Darauf wurde dann die Erde der Brustwehr angeschüttet.

                Freistehende Mauern, also z.B. krenelierte = Carnotsche Mauern, erhielten gleichfalls eine Abdeckung aus leicht geneigten Tabletts, teilweise auch Dachziegeln, um das Wasser abfließen zu lassen.

                Bei älteren Festungen bis etwa Mitte des 18 JH findet man die Kordonsteine am Übergang von der einwärts geneigten Futtermauer zur senkrecht aufgesetzten Mauerkrone. Die Kordonsteine markieren in etwa die Höhe des dahinterliegenden Wallgangs. siehe oben gezeigte Skizze von Vauban zur Demolition einer Futtermauer mittels Minen.

                LB
                Zuletzt geändert von Blesson; 19.11.2007, 14:45.
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                • #9
                  Vielen Dank, Euer Gnaden!

                  Der Wallgang (dort wo man auf der Mauer geschützt gehen konnte, weil zwischen einem selbst und dem Gegener noch der obere Teil der Mauer war - tschuldigung wieder für die unexakte Ausdrucksweise) mit Erde bedeckt und wahrscheinlich mit Gras bewachsen, die Mauerkrone (also der oberste Teil, gleichsam das "Dach" der Mauer) mit Steinplatten oder allenfalls Dachziegeln. Habe ich es so richtig verstanden, wenngleich vermutlich etwas patschert (= wienerisch für ungeschickt) ausgedrückt?

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                  • #10
                    Bester Caporal,

                    Hier ein Wallprofil, welches wohl die Zitadelle von Glatz aus der 2. Hälfte des 18. JH vorstellen soll, anschaulicher als 1000 Worte.

                    Ganz richtig, der Wallgang war gegen Sicht und Beschuß vom Vorfeld durch eine mindestens mannshohe Brustwehr geschützt, für die ca. 8-9' als aureichend galten. Die Abdeckung von Brustwehr und Wallgang erfolgt i.d.R. durch (abgestochene) Grasplacken.

                    LB
                    Angehängte Dateien
                    Zuletzt geändert von Blesson; 22.11.2007, 23:25.
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                    • #11
                      Jetzt hab ich's!
                      Vielen Dank nochmals!
                      Irgendwann werde ich - wenn es halbwegs ansehnlich ist - Bilder von meinen simplifizierten Modellen einstellen.

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                      • #12
                        Und wieder bin ich am Ende mit meinem bescheidenen Festungslastein ...

                        Eine der empfindlichsten Stellen so einer Festungsanlage waren doch sicher die Tore. Da gibt es kaum für mich erreichbares Material. Ich nehme an, man hat sie aus massivem Holz gefertigt. Das wäre aber doch trotzdem für Artillerie recht leicht "aufzumachen". Wie hat man die Tore also geschützt. Gab es zur napoleonischen Zeit noch (zusätzliche) Zugbrücken über den Graben? Wurden vor den Toren Erd- und Steinwerke errichtet, um einen direkten Beschuss hintanzuhalten?

                        Danke herzlich für GENIE-ale Hilfe!

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                        • #13
                          Vom Laien

                          @Corporal,
                          ganz sicher wird gewissen Experten schwummerig bei der folgenden Erklärung, aber für´s Erste:

                          Wenn Du die Grundrisse von Festungen betrachtest, stellst Du fest, daß die Torpassagen sich wie Schlangenlinien vom äußersten Glacis bis durch den Hauptwall winden. Dabei durchschnitten sie die dem Hauptwall vorgelagerten detachierten Werke und wurden regelmäßig über eine Reihe von Zugbrücken oder solchen, die nur aus Balken bestanden und im Ernstfalle abgeworfen werden konnten, geführt. Direkter Beschuß war also nicht möglich.
                          Um ein Tor unter Beschuß zu nehmen, hätte der böse Feind mehrere separat verteidigte "Außen"werke erobert müssen und sich dann mit seinem Geschütz in Kernschußweite für die Musketen auf dem gedeckten Weg des Hauptwalles befunden.

                          Gruß
                          Jörg
                          The light at the end of the tunnel
                          is from an oncoming train.

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                          • #14
                            Da soll mal wer sagen, die von der Infanterie wüßten nicht auch eine Menge ...
                            Mein modellorientierter Blick hat mich vergessen lassen, dass so eine Befestigungsanlage ja aus vielen gestaffelten Werken besteht. So erklärt sich die Sache - wenngleich die halbwegs korrekte Darstellung im Massstab aus Platzgründen kaum gelingen wird.

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                            • #15
                              @ Corporal,
                              später fiel mir noch ein Tip ein:
                              Such Dir auf Google Earth die holländische Festung Bourtange.
                              Die ist zwar etwas älter, aber auf dem Luftbild kannst Du sehr schön erkennen, wie die Zuwegung durch die äußeren Werke geht, dann um diverse Kurven und schließlich über eine Brücke, wieder um Kurven und eine zweite Zugbrücke zum Tor.
                              Wer den ersten Wall überwunden hätte, hätte keine Chance, im direkten Schuß das Tor zu bepflastern. Es im indirekten Schuß zu erreichen, wäre auch nicht ganz einfach.

                              (Bei Bedarf auch gern weiteres Bildmaterial.)

                              Gruß
                              Jörg
                              The light at the end of the tunnel
                              is from an oncoming train.

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