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Thema: Das Geheimnis der Schrapnell-Granaten?

  1. #1
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    Standard Das Geheimnis der Schrapnell-Granaten?

    Hallo Allesamt,

    man liest ja immer wieder, dass die Granat-Kartätsche, besser bekannt als Schrapnell, die Geheimwaffe der Briten während der Napoleonischen Kriege gewesen sein soll. Und dass die Franzosen nicht in der Lage gewesen sein sollen, diese zu kopieren.

    Jetzt frage ich mich warum? Es hat doch sicherlich Schlachten gegeben, wo den Franzosen intakte britische Schrapnell-Granaten in die Hände gefallen sind - sei es durch erbeutete Geschütze oder Blindgänger. Warum waren dann die Franzosen nicht fähig, herauszufinden, wie so ein Schrapnell aufgebaut war? So kompliziert kann die Technik doch nicht gewesen sein, oder?

    Viele Grüße,
    Günter
    "But Linden saw another sight, when the drum beat at dead of night,
    commanding fires of death to light the darkness of her scenery." (Thomas Campbell)

  2. #2
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    Standard

    Mein Lieber,

    hier hilft ein Rückblick auf den zeitgen. Stand der Technik:

    wenn ich es recht verstehe und zeitgen. Quellen trauen darf, wurde unter Zeitgenossen nicht viel Aufhebens um die Shrapnels (case shot grenades) gemacht. Was aus heutiger Sicht als Revolution gesehen wird, mußte sich erst langsam durchsetzen und seine Effektivität in der Praxis beweisen. Im Scharnhorst, Handbuch für offiziere, Auflage 1816 und im Rouvroy werden die Shrapels gar nicht mit einem eigenen Begriff erwähnt. Die Geschütze rechneten im deutschen Sprachraum unter die Granatstücke (Sachsen).

    Dawson, Napoleonic Artilliery, schreibt auf S. 249 ff., daß das Haupmotiv für die Entwicklung des Shrapnel seit 1750 eine verbesserte Wirkung und Reichweite der klassischen Büchsen-Kartätschen gewesen sei, wobei die Kartätschbüchse, die sonst erst beim Aufschlagen zerplatze, durch eine Ladung zerspringen sollte und dadurch fast die Reichweite der Vollkugeln erreichen sollte.

    Das erste praktische Problem dürfte wohl das Tempern der Shrapnels gewesen sein: Es galt als große Kunst, Bomben rechtzeitig springen zu lassen, siehe Scharnhorst S. 80 ff. :

    "Die Eigenschaften eines guten Brandröhrensatzes sind: daß er weder zu rasch hinwegbrennt, wodurch die Bombe vor der Zeit zerspringt, noch daß er zu faul ist und verlöscht."

    Das Tempern hält von ff. Voraussetzungen ab:
    1. Bekannter & langer Flugzeit in Sekunden
    2. Zuverlässiger Brandsatz, dessen Abbrandgeschwindigkeit bekannt ist.
    3. Reproduzierbarkeit der Abbrandgeschwindigkeit, die sehr stark von der Fertigungsqualität und Witterung abhängt.

    Nehmen wir einmal an, daß der Wirkungsradius eines Shrapnels ca. 10m beträgt. Mit einer relativen geringen Anfangsgeschwindigkeit von ca. 200m/sec muß also das Sprapnel auf 0,05 bis 0,1 sec genau eingestellt werden können. Keine Kleinigkeit, wenn wir bedenken, daß die Löcher in den Brandöhrensätzen der gewöhnlichen Bomben nur in ca. 1 Sek Abstand gebohrt waren....

    In der Feldschlacht waren diese Voraussetzungen nicht gut einzuhalten:
    1. Die Flugzeit mußte mit dem Sekundpendel gemessen werden. Ob die erforderlichen 1/10 sek auch in der Praxis gemessen werden konnten, möchte ich stark bezweifeln.
    2. Die Bomben / Granaten wurden auch bei Haubitzen mangels Vorbereitungszeit nicht getempert. Bei Bogenschuß waren die Bomben nur ca. 5 sek. in der luft. Da genügt die "Einheitsbrandröhre".
    3. Die Entfernungsmessung oder-schätzung auf bewegliche Ziele, wo fast immer nach Augenmaß geschätzt wurde.
    4. Der Zeitdruck: Die 2 oder spätestens 3. Lage mußte sitzen... Für Tempern war nicht viel Zeit. Es spricht also vieles für einen Standardbrandsatz.
    5. Die relativ geringe Gefechtsdistanz, die in der Regel weit unter 1000 Schritt lag.

    Die Sprapnels wurden u.a. im iberischen feldzug eingesetzt. Ihre Wirksamkeit war umstritten (Dawson S. 250).

    Vergleich: Bekanntlich wirkten die Bomben der Haubitzen im Bogenschuß durch kinetische Energie und durch die Splitter. Sie waren daher stets auf eine längere Zeit getempert, d.h. sie sprangen beim Ausrollen, oder wenn bei steilerem Winkel abgeschossen, nach dem Eingraben.

    Bei Belagerungen, wie das bekanntlich in Gibraltar der Fall war, als Herr Shrapnel die Granaten über den spanischen Ouvriers springen ließ, ist das ein ander Ding, und wir haben genau die erforderlichen Bedingungen:

    1. Genügend Zeit, um die Flugzeit zu messen und alle notwendige Arbeiten zu präparieren. Die erhöht gelegene Batterie in Gibraltar war wohl keinem feindlichen Feuer ausgesetzt, so daß genügend Luft zum Experimentieren war.
    2. Geringe Feuerkadenz. also genügend Zeit zum richten und den Brandsatz zu tempern.
    3. Lange Flugzeiten, um die granaten genau genug tempern zu können.
    4. Viele Schüsse auf ein nahezu unbewegliches Ziel, nämlich die oben offenen Laufgräben.
    5. Viele Versuche: Wenn eine von 10 Granaten (um eine Zahl zu nennen) rechtzeitig springt, macht sie schon einen Effekt.
    6. Gute Beobachtung der Treffer von einer stark überhöhten Batterie.
    7. Bedingt durch die zylindrische Form wird die Flugbahn stark taumelnd und nicht sehr treffsicher gewesen sein.
    7. Ein großes Ziel: offene Trancheen sind wie ein großer Ameisenhaufen (mit mehreren hundert Ourvriers). Da trifft eine Kanister immer etwas.
    9. Eine neue Sitation: Bekanntlich ist der steile Bogenschuß (nicht zu Verwechseln mit Ricochette-Schuß) bei Belagerungen wenig wirksam, da sich die Vollkugeln eingraben, anstatt, wie sonst üblich, bei Kern- flachem Bogen- oder leicht plongierendem Rollschuß die Aufwürfe zu durchpflügen (eindringtiefe in lockerem Erdreich bis zu 12 Fuß!). Daß sich Herr Schrapnel herausgefordert sah, die span. Ouvriers auch außerhalb der eigentlichen Kartätschreichweite zu decontenencieren, kann ich gut nachvollziehen.


    Außerdem bedenke man die Moral: die Ouvriers, die meist gepreßte Schanzbauern, oder dem Schanzdienst nicht sonderlich zugeneigte Infanteristen, und sonst eigentlich bei der ersten oder zweiten Parallele durch den Aufwurf der Tranchee geschützt, sind nunmehr dem Splitterregen von oben ausgesetzt.

    Maßnahmen: Gegen die relativ leichten Sprapnelsplitter und Kugeln helfen mit Faschinen oder Balken gedeckte Laufgräben und Batterien, was allerdings Zeit und Ressourcen kostet. Letzten Endes werden die Sprapnels den Bau der Trancheen verzögern, aber nicht verhindern.

    Als zweites Problem haben wir nach meiner Meinung die geringen Kaliber der Feldgeschütze, die nur recht kleine Granaten mit geringem Geschoßgewicht und einer wenig wirksamen kleiner Ladung, also geringerem Effekt im Vergleich zu den Haubitzen, ermöglichten. Dies kann wiederum nur mit gößeren Geschützen (später die Bombenkanonen) erreicht werden, die aber für die Feldartillerie zu unbeweglich sind, also nur als Festungs, Belagerungs-- und Schiffsgeschütze taugen. Hier tritt die Wirkung NACH dem Auftreffen auf Ziel ein...


    Fazit: Ein schöne Idde, die sich erst endgültig mit den verbesserten Fertigungstechniken im Industriezeitalter durchsetzen konnte. Die Herrn Franzosen hatten folglich nicht viel Grund, von den Shrapnels sonderlich beindruckt zu sein. 1806 und 1811 erbeuteten die franzosen brit. Munitionswagen, dessen Shrapnels von Gen. Eblé untersucht wurden. Es scheint nicht bekannt zu sein, ob Shrapnels auch franzsösischerseits über das Versuchsstadium hinauskamen (Dawson S. 250)

    Das müßte sich auch in der zeitgen. Literatur verifizieren lassen.

    LB
    Geändert von Blesson (09.09.2008 um 23:39 Uhr)

  3. #3
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    Interessant, wie stets.
    Dawson, Napoleonic Artilliery, schreibt auf S. 249 ff., daß das Haupmotiv für die Entwicklung des Shrapnel seit 1750 eine verbesserte Wirkung und Reichweite der klassischen Büchsen-Kartätschen gewesen sei, wobei die Kartätschbüchse, die sonst erst beim Aufschlagen zerplatze, durch eine Ladung zerspringen sollte und dadurch fast die Reichweite der Vollkugeln erreichen sollte.
    Hier jedoch wundert mich: - wäre die Büchsenkartätsche tatsächlich erst beim Aufschlag zerplatzt, hätte sie doch keine allzu große Wirkung gehabt, nehme ich an? Freilich, nicht erfreulich für das konkret getroffene Individuum, aber in größerem Umfang nach meiner Vorstellung nicht sehr schädlich. Büchsenkartätschen und Beutelkartätschen wären dann ja grundverschieden einzusetzende Munitionsarten gewesen, war das so?
    Falls nicht, kann man das Schrapnell nicht als Verbesserung der Kartätsche betrachten, weil die beiden Munitionsarten ganz verschieden eingesetzt wurden, um es inkompetent auszudrücken - Kartätsche: Schrotschuß auf geringe Distanz. Schrapnell: Schrotschußwirkung in großer Distanz. Worin liegt bei letzerem der entscheidende Vorteil zur Haubitzgranate? Eine gleichmäßigere Geschoßwolke? Im Vergleich zur Granate ein größerer Anteil gegen das Ziel wirkende Metallmasse des Geschosses? Erweiterte Wirkungsmöglichkeiten des normalen Feldgeschützes?
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  4. #4
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    Büchsenkartätschen waren unter Belastungen wie dem Geschütteltwerden beim Transport haltbarer als Beutelkartätschen und verloren nicht ihre Form.

    Deshalb wurden sie vor allem bei der Feldartillerie eingesetzt, während bei der Belagerungsartillerie auch die billigeren Beutelkartätschen verwendet wurden.

    Die Diskussion, wann die Büchsenkartätsche zerspringt, hatten wir ja schon:

    http://www.napoleon-online.com/forum...ead.php?t=1123

  5. #5
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    Werter Blesson

    ich bedanke mich für die ausführliche Antwort.

    Es macht Sinn, dass die Granat-Kartätschen einfach als nicht nachbauenswert von den Franzosen eingestuft wurden, zumal ihre Fertigung wohl durchaus teurer als die gewöhnlicher Granaten gewesen sein dürfte.

    Viele Grüße,
    Günter
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  6. #6
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    Die Diskussion zog sich noch bis in die 1850 Jahre hin und viele Bücher wurden geschrieben. Problem war in der Tat die präzise Zündung.
    Beim zerspringen in der Luft bildete sich ein trompetenförmiger Projektilkegel, da ja die einzelnen Stücke die Geschwindigkeit des Shrapnel
    beibehielten, welcher nun richtung Boden gezogen wurde. Man musste also das Geschoß vor dem Ziel zerlegen. Da gab es Schußtafeln.
    Die Preussen verwendeten später Futterschrauben in den Hohlkugeln, in denen Papierröhrchen unterschiedlicher Brenndauer eingedrückt werden konnten.

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