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Thema: Die Nachfahren Lucien Bonapartes.

  1. #21
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    3. Teil Pierre Napoléon Bonaparte" von Gerti Brabetz



    Als im Juli 1870 Napoleon III. Preußen den Krieg erklärte, bot Prinz Pierre
    sofort – aber vergebens – dem Kaiser seine Dienste an. Tief enttäuscht verließ er im August Paris, begab sich nach Rochefort in Belgien. Von dort erlebte er das Desaster von Sedan und die Kapitulation. Der Zug mit
    dem verhafteten Kaiser auf dem Weg in die Kriegsgefangenschaft fuhr durch den kleinen Ort Jemelles, nicht weit von Rochefort. Pierre eilte mit seinem Sohn dorthin und konnte auf dem Bahnhof einige Worte mit sei-nem Cousin wechseln. Sie sahen sich nie mehr wieder. Napoléon III. ging nach einer halbjährigen Gefangenschaft im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel 1871 nach England (Chislehurst) ins Exil. Er starb 1873 und ruht in der Krypta der St. Michael’s Abbey in Farnborough/Hampshire, zu-sammen mit seiner Frau Eugénie und seinem Sohn. Der Zusammenbruch des Kaiserreichs nahm Pierre die finanzielle Basis. Er musste sein Haus in Brüssel verkaufen. Das Maison d’Auteuil in Paris, das die Preußen verschont hatten, wurde von den Kom-munarden geplündert und angezündet, sein Besitz auf Korsika verwüstet. Nina verließ ihn, obwohl er ihr im November 1871 durch eine Ziviltrauung in der französischen Gesandtschaft in Brüssel den Titel „Kaiserliche Prinzessin" verschafft und ihre beiden gemeinsamen Kinder legitimiert hatte. Sie eröffnete mit ihrem nun illustren Namen in London ein Modegeschäft, das sie jedoch bald wieder aufgab. Sie kehrte nach Paris zurück, aber das Ehepaar lebte getrennt und in ziemlich armseligen Ver-hältnissen. Es war ein totales Fiasko. Am Ende seines Lebens war Prinz Pierre ein schwer kranker Mann. Er war Diabetiker, litt unter Rheuma, wurde morphiumsüchtig. 1877 erlaubte man ihm, nach Paris zurückzukehren. In Versailles, in einem kleinen von einem Korsen geführten Hotel, mietete er sich mit seiner Dienerin und Mätresse, Adèle Didriche, ein. Er erbettelte des öfteren bei seinen Nichten und Neffen finanzielle Unterstützung, hier und da ließen ihm auch Marschall Mac-Mahon und König Victor-Emanuel von Italien Geld zu-kommen. Ein letzter Lichtblick war die Heirat seines Sohnes Roland mit Marie Blanc, der Tochter des steinreichen Besitzers des Casinos von Monte Carlo im November 1880. Pierre war bettlägerig und konnte an der großartigen Hochzeitsfeier nicht teilnehmen. Roland tilgte die Schul-den seiner Eltern und sicherte seinem Vater ein geregeltes Einkommen. Am 8. April 1881 starb Prinz Pierre nach einem langen, qualvollen Todeskampf, umgeben von Nina, seinen Kindern und Adèle. Er, der immer gehofft hatte, auf dem Schlachtfeld zu sterben, bestand darauf, wenigs-tens auf dem Fußboden liegend sein Leben zu beenden, denn „ein Soldat sollte nicht im Bett sterben". Prinz Pierre-Napoléon Bonaparte wollte in den Ardennen beerdigt werden. Seine Familie ignorierte den Wunsch und bestattete ihn auf dem Friedhof von Versailles, dem „Cimetière de Gonards". Nina überlebte ihn noch 25 Jahre (....)"
    "Da nichts im Laufe unseres Lebens ausgelöscht wird, ist jeder von uns wie ein Dokument, in dem, zwar gekürzt, die ganze Geschichte und die ganze Frühgeschichte der Menschheit niedergeschrieben ist"

    Marie Bonaparte (1882-1962)

  2. #22
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    Hallo du,
    ich bin mal wieder hin und weg von deinen Beiträgen! Das über Pierre muss ich mir aber erst mal wieder ausdrucken (geht es dir auch so, dass dir das am Bildschirm lesen und es sich merken, schwer fällt? äh, krummer Satz)
    Daher zuerst zu Marie: Wie würdest du ihre Bedeutung für die internationale Anerkennung der Psychoanalyse einschätzen? Im Film kam eine kurze Szene in England vor: Freuds Ansätze waren ja ohnehin schon umstritten und dann kommt da auch noch eine Frau daher und will es allen erkären ... Wenn ich das richtig im Kopf habe, hat sie in Frankreich eine/das Journal für Psychoanalyse aufgelegt?
    Worum geht es in ihrem Buch "Topsy" (Es gibt nämlich eine Figur in Harriet Beecher Stowes Onkel Toms Hütte, die so heißt)?
    Tatsächlich kann es sein, dass mir der Name Bonaparte bei einer Führung durch den Palazzo Vecchio begegnet ist, irgendwas mit dem Saal der Fünfhundert ist mir da schwach haften geblieben.
    Zu Pierre demnächst.
    Liebe Grüße
    Colet

  3. #23
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    Hallo!

    Schön, dass Du mal wieder hineingeschaut hast! Ja, auf dem Bildschirm lesen fällt mir auch schwer. Ich hör immer, "nicht so viel drucken...kann man das nicht auch auf dem Bildschirm lesen?" Ich kann es auch nicht!
    Leider ist der Text über Pierre nicht von mir, zu schön wäre es. Ich hätte auch nur das wesentliche herausnehmen können und dann hier hineinstellen, aber ich hab es dann doch dabei belassen, den Text komplett zu nehmen. Ich finde ihn sehr interessant, weil eher schwer etwas über Pierre findet- außer im Buch von Célia Bertin! Marie war mehr als fasziniert, wenn man ihr Geschichten über ihren Großvater erzählte, denn wie man ja weiß, faszinierten sie Mörder.
    Erst bei einem Seminar an der Uni über Psychoanalyse wurde mir klar, warum sie sich später auch so aktiv gegen die Todesstrafe von Kandidaten wie Chessman einsetzte. In der Psychoanalyse wird ja der Mord - so schrieb Marie auch nach dem Krieg ein Werk, wo sie den Holocaust deutete- als Hervorkeimen des menschlichen "Urtriebes", der durch die jahrelange Zivilisation unterdrückt wird, betrachtet.
    Wenn ich hier Maries Biographie hineinstelle werde ich noch genauer darauf eingehen, welche Publikationen von ihr genau ausgingen etc. Insgesamt kann man sagen, dass Bonaparte die Psychoanalyse in Frankreich eingeführt und bekannt gemacht hat, allerdings werden ihre eigenen Werke, die sie zwar stets mit großem und unermüdlichen Fleiß schrieb, als eher nur durchschnittlich bzw. eine "Bestätigung von Freuds Erkenntnissen, aber nichts wirklich Neues" eingestuft. Allerdings gibt es ein Werk, nämlich über Edgar Ellen Poe, welche heute noch gelesen wird und große Beachtung gefunden hat. Selbst mein Dozent in Romanistik erzählte mir, dieses Werk gelesen zu haben. Dort wird wohl das Leben und die Literatur Poes aus psychoanalytischer Sicht gedeutet auf gewisse Traumata aus der Kindkeit zurückgeführt. Leider kenne ich mich aber sonst in der Psychoanalyse zu wenig aus, um Maries Werke einschätzen zu können. Das erwähnte Buch "Myths of War" herausgegeben 1947 finde ich schon sehr schwer, wenn man keine Vorkenntnisse hat. Auch zitiert Marie bereits auf der ersten Seite, also in der Einleitung, tausende Bücher und Zeitungsartikel aus der damaligen, sowie aus "Mein Kampf", dass man es doch nicht leicht hat, wenn man nicht ganz so extrem belesen war, wie sie.
    Das Buch "Topsy" handelt letztlich um ein triviales Thema: Um den Chowchow, den Freud ihr geschenkt hatte. Das Buch habe ich, aber noch nicht gelesen.
    Das mit Florenz klingt interessant. Wie ich schrieb ist ja ein Bonaparte in den Dokumenten erfasst, der einst im Mittelalter dem Rat von Florenz betrat. Vielleicht handelte es davon...ich war ja einmal in Florenz, und dachte dabei immer an die Bonapartes und ihren Ursprung, aber leider ist mir ihr Name bei der Stadtführung niemals begegnet, wenn ja, wäre ich sicher gleich hellhörig geworden....Schon seltsam.
    Die Marie- Biographie bringe ich noch rein....
    Geändert von Britt.25 (20.11.2008 um 17:40 Uhr)
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  4. #24
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    Also beim ersten flüchtigen Lesen muss ich schon sagen: Pierres Leben war ganz großes Kino - sogar mit Duellen (für mich als alten Duell-Fan besonders interessant. Ich habe vor Jahren das Buch "Ehrenmänner" von Ute Frevert gelesen, eine sehr empfehlenswerte Studie zum Thema, die mit so manchem Klischee aufräumt).
    Aber erst noch eine kleine Off-Frage: Ist dir bekannt, inwiefern sich Napoleon selbst für seine Familie-Genealogie interessierte? Er sah sich ja mehr als Begründer einer Dynastie, aber durch seine Familiewurzeln hätte sich z.B. der Herrschaftsanspruch auf Italien untermauern lassen, oder war das zo sehr "ancien regime"?
    Grüße
    Colet

  5. #25
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    Du hast es schon sehr richtig erfasst, dass das Leben von Pierre sehr ungewöhnlich und unheimlich turbulent gewesen sein muss, wahrlich einem großen Schauspiel auf der Bühne gleichend. In Maries Biographies steht auch eine Menge über ihn. Pierre suchte und brauchte die Herausforderung, um zu fühlen, dass er wer ist. Er musste stets seine Ehre verteidigen, selbst vor dem Tode wurde dabei nicht zurückgeschreckt....
    Ja, es ist tatsächlich wahr, was Du gesagt hast bezüglich Napoleon und seinem Interesse an den Ahnen. Dazu kann ich einmal den Anfang des ersten Kapitels von meiner Lieblingsbiogaphie über die Familie Bonaparte zitieren:

    "Einem übereifrigen Gelehrten, der ihm im Jahre 1800 eine schmeichelhafte Stammtafel seiner Vorfahren überreichte, erteilte Bonaparte eine Abfuhr: "Diese Ahnentafel ist ebenso nichtssagend wie lächerlich; solche Nachforschungen sind kindisch. Allen, die zukünftig fragen werden, auf welche Zeit das Haus Bonaparte zurückgeht, sei die schlichte Antwort erteilt: es datiert seit dem 18. Brumaire."
    Eine schöne und kecke Antwort eines jungen Generals, dem die Fortuna zugelächelt hatte. Vielleicht aber war der 1. Konsul nicht immer so gleichgültig. Bourienne, sein Jugendfreund in der Militärschule, schreibt in seinen Memoiren: "Bonaparte war das, was man von guter Herkunft zu nennen pflegt. Ich habe seine Stammtafel gesehen, die er aus der Toskana nach Mailand kommen ließ und die authentisch ist".
    Auf jeden Fall interessierte sich die Familie stark für die Herkunft des Namens. Carlo Buonaparte, sein Vater, vervielfachte die Nachforschungen, ließ den Adel des Hauses amtlich anerkennen und sandte stolz im Jahre 1779 eine Beschreibung seines Wappens an Hozier de Sérigny, der als Richter in allen Wappenstreitigkeiten des französischen Adels amtierte. Als die französische Revolution ausbrach, war der älteste Sohn, Joseph, gerade in die italienischen Archive vertieft, um dort auf irgendeine Hinterlassenschaft zu stoßen, die die Familie dringend brauchte. Er stritt verbissen mit dem Notaren in Pisa, deren Honorare sich nach der Zahl der Generationen richteten, welche sie ausgraben sollten, aber die Ergebnisse waren kümmerlich. Nach 1814, als die napoleonische Legende entstand, veröffentlichte Napoléon-Louis, der Neffe des Kaisers und Bruder des künftigen Napoleon III. , eine vollständige Geschlechtertafel (...)
    Schließlich ermöglichten wissenschaftliche Forschungen unter dem 2. Kaiserreich die Entdeckung einer eindrucksvollen Anzahl hochtalentierter Vorfahren des Herrn von Frankreich (....)

    Man sieht also, der Vater und die Familie waren sehr auf ihre Herkunft bedacht, besonders der Vater achtete, wie ich auch las, immer darauf, seinem Namen "buona parte" auch alle Ehre zu machen!
    Napoleon natürlich, auf dem Höhepunkt seiner Macht, stellte sich alleine in den Vordergrund, ihn, der durch seine Taten und seine "Vorhersehung" die Dynastie begründet hat, und wollte daher von "Vorfahren" nichts hören, sicherlich auch eine Folge des Größenwahns, der zynische Satz, der oben erwähnt wurde, spricht Bände....
    Geändert von Britt.25 (22.11.2008 um 12:13 Uhr)
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  6. #26
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    Buchcover einer älteren und italienischen Version des Buches Topsy:


    j1990bonaparte.jpg



    Ich vermute, dass dieses Topsy ist. Das Bild zeigt Marie mit Tochter Eugenie und Topsy, denke ich, oder ist es ein anderer Chow-chow?

    MarieEugenie.jpg


    Und noch ein paar Bilder von Marie mit ihren Kindern:

    mariebonaparte8.jpg

    mariebonaparte7.jpg


    Prinzessin Marie mit ihrer Familie:

    georgfam.jpg
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  7. #27
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    Hallo du,
    ganz so zynisch finde ich Napoleons Äußerung nicht: Seine Familie würde bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn er nicht gewesen wäre. Das passt zu seinem Satz "Man wird meine Gegner doch nur kennen, weil sie meine Gegner waren." Naja, den einen kennt man noch von halbrohen Steaks, und Blücher hat es passenderweise zu einer Schnaps-Marke gebracht.
    Marie hat ihre Probleme also durch Psychoanalyse gelöst, Pierre mit der Pistole - so ändern sich die Zeiten! :-) Seine Erfahrungen mit dem 2.Kaiserreich waren ja alles andere als erfreulich - warum war Louis Napoleon so zurückhaltend darin, ihn einzubinden? Lag das wirklich nur an Pierres wildem Lebenswandel? Oder war da auch ein bisschen Fressneid im Spiel? Das führt mich gleich zu Maries Hund: Hat sie also eine "Hundespsychoanalyse" verfasst? (Das interessiert mich als Hundebesitzerin natürlich).
    Und noch eine Nachfrage zur Ahentafel: Hat sich auch mal jemand die Mühe gemacht, die illegitimen Sprösslinge nachzuhalten? Pierre scheint ja einige davon gehabt zu haben!
    Liebe Grüße
    Colet

  8. #28
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    Tut mir leid, dass ich nicht früher antworten konnte....Bin gerade sehr beschäftigt. Naja, an sich ist Napoleon ja schon auch für seinen Zynismus bekannt gewesen...Klar war an dem Satz auch etwas wahres dran, da ja er die Familie Bonaparte so hoch hinaus gebracht hatte und sie sonst sicherlich niemals alle diese Stellungen bekommen hätten. Auf der anderen Seite schießt er schon ein bisschen sehr weit, Ahnenforschungen über seine Abstammung als total lachhaft hinzustellen, denn immerhin hatte er schon Vorfahren edlen Geblüts.
    Naja, was Napoleon III. und Vetter Pierre betrifft... Sicherlich hatte es mit seinem Lebenswandel zu tun, aber die Linie Lucien hatte ja schon vorher diese Abseitsstellung, letztlich seit Lucien die Damen geheiratet hatte, die der Bruder Napoleon nicht tolerieren wollte. Daher waren auch die Nachfahren Lucien nicht so eingebunden in das Kaiserreich, die meisten waren Wissenschaftler und widmeten sich Studien über Flora, Fauna, Sprachen, Dichtung etc. , allerdings trieb es Pierre mit seinem Lebenswandel auf die Spitze und machte sich damit auch einiges kapputt, denke ich. Ich muss aber unbedingt, wenn ich wieder mehr Zeit habe, nochmal über Pierre bei Célia Bertin nachlesen. Vieles überblicke ich jetzt nicht mehr.
    Wie tief die Analyse bezüglich Topsy geht weiß ich leider nicht. Es kann sein, dass Du recht hast. Ich muss mir das Buch mal richtig anschauen. Sorry für meine "schwache " Antwort diesmal, aber momentan hab ich sehr viel zu lernen für die Uni.
    PS. Bezüglich Deiner einstigen Erwähnung des Heiratens "back to the roots". Ja, das ist tatsächlich so, fast alle der heutigen Nachfahren Lucien Bonapartes wohnen in Italien und leben in allen möglichen italienischen Fürsten-und Grafenfamilien fort. Und: Pierres Nachfahren: Leider sind keine Nachfahren namentlich bekannt, vieles mag spekuliert sein, außer einem Pascal, der später Stallbursche war, und für Marie auch wieder eine Bedeutung hatte.
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  9. #29
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    Hallo du,
    mich hat ein böser Schnupfen ein bisschen aus dem Verkehr gezogen, aber unsere Marie läuft uns schon nicht weg :-). Die Bemerkung mit dem Stallburschen Pascal hat mich schon wieder neugierig gemacht: Wie stand Marie zu dem? Oder soll ich einfach auf die kleine Biographie an dieser Stelle warten? Eine kleine Zeittafel über Maries Leben wär mir sehr hilfreich, um alle die Infos besser einordnen zu können, aber nur, wenn du mal Zeit hast ...
    Es wundert mich trotzdem ein bisschen, dass so viel "Standesdünkel" in der Familie unterwegs war. Immerhin haben auch andere Familienzweige unter Napoleons Heiratspolitik leiden müssen, ich hätte da eher auf etwas mehr Solidarität getippt (mit dem nicht standesgemäßen Pattersonkind schien Pierre sich ja gut verstanden zu haben.) Ich erinnerne mich noch an ein Bild aus der Kasseler Ausstellung, das den Patterson-Jungen mit einem traurigen Blick übers Meer zeigt, dem dynastisch geschiedenen Vater nachtauernd.
    Das Motiv "Feldherren und Forscher" scheint sich auch in der Lucien-Familie durchzuziehen, ein bisschen hatte ja auch Marie etwas von beiden. Ist die Bertin-Biographie ergiebig, was Pierres Leben angeht? Dann werde ich sie mir wohl doch mal leihen.
    Dir frohes Schaffen an der Uni (Psychologie, tippe ich mal?)
    Colet

  10. #30
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    Hallo!
    Ja, die Biographie von Marie gibt eine ganze Menge über Pierre her. Sie rollt die Biographien von 1. Lucien, 2. Alexandrine Jacob de Bleschamp, 3. Pierre, 4. Roland auf der einen Seite, und die von 5. Nina Ruflin, 5. Francois and 7. Marie-Félix Blanc sehr gut auf, als Einstieg in das Leben von Marie, sozusagen als Vorspann, aber recht ausführlich!!!
    Oftmals versteht man viele Probleme und Phasen in Maries Leben dann auch besser.
    Auch Pascal spielt da eine Rolle, leider existieren nur wenige Details aus seinem Leben, auch kein Foto, zumindest aber steht, dass er bei den Bonapartes angestellt war und sehr wahrscheinlich einer der unehelichen Söhne des Pierre Bonaparte war (die er alle in einem Rattenschwanz hinter sich herzog, und zwischen Belgien und Korsika irgendwo zeugte) Nina war ja so nett, diese Kinder mit in die Familie aufzunehmen!
    Pascal hatte aber noch eine andere Bedeutung in Maries Leben, nicht alleine, dass er nur ihr Halbbruder war: Marie hatte jahrelang wieder-und wiederkehrend einen seltsamen Traum über den Geschlechtsverkehr zweier erwachsener Menschen, während sie selber in einem Kinderbette liegt und dieses beobachtet. Dieses alles erzählt sie später Freud zur Deutung und siehe an, es stellt sich nach Recherchen heraus, dass jener Stallbursche Pascal damals einige Zeit lang ein intimes Verhältnis mit Maries Amme unterhielt, dies alles geschah in einer Zeit, als Marie Bonaparte noch ein Baby war. Scheinbar schliefen sie miteinander, als Marie daneben stand. Auch wenn sie an sich ja noch viel zu klein war und es nicht bewusst wahrnehmen konnte, ihr Unterbewusstes hatte es doch aufgenommen und quälte sie später in Träumen, die sie erst nicht verstand. Eine etwas komische und groteske Geschichte! Sie steht auch bei Célia Bertin. Interessant sind noch zwei andere Anekdoten von ihr, welche ebenfalls sehr deutlich zeigen, dass Marie sowohl gedanklich als auch faktisch sehr die Grenzen der damaligen Zeit sprengte. Alle unter 18 sollten vielleicht besser wegschauen
    Zum ersten soll Marie als Kind vor einem Exhibitionisten erschreckt worden sein, und beschäftigte sich auch später immer wieder mit diesem Ereignis. So ging sie später, als Analytikerin war, auf einen dieser Männer zu, wie es heißt, und sagte wörtlich: "Packen Sie das alles weg! Das ist überhaupt nicht interessant. Aber ich würde Sie gerne therapieren."
    Darauf soll Bonaparte doch tatsächlich dem Sittenstroch eine Visitenkarte überreicht haben, aber wie man sich denken kann, war der Gemeinte mehr als verschämt und meldete sich niemals bei der Analytikern! Und noch eine weitere Anekdote gibt es: Im Hospital Saint-Anne wurde Marie ein neuer Patient vorgestellt von einem Professor oder dem Leiter des Instituts. Dieser Patient hatte eine Seifenphobie, und Marie, die ja an sich keine Ärztin war (auch wenn sie über viele medizinische Kenntnisse verfügte, und immer eigentlich Medizin hatte studieren wollen, welches aus "standesrechtlichen Gründen" aber nicht ging) stand auf dem Standpunkt, dass dieses einzig und alleine daher rühren könnte, dass der Patient einen unterbewussten Wunsch hege, den Hoden seines Vaters streicheln zu wollen! Der Professor wurde daraufhin heftig rot und sagte empört, dass seine Töchter niemals auf solche Gedanken kämen, und dass diese "Diagnose" Bonapartes Unsinn sei. Als er vor der Prinzessin reiß aus nehmen wollte, hielt Bonaparte ihn am Arm und entgegnete:" So können Sie sich doch nicht benehmen!"
    Soviel zu den Anekdoten....
    Und nun zu den morganatischen Ehen. In der Familie Lucien sind sie wirklich mehr als üblich (noch gerade habe ich eine sehr nette Nachfahren von Lucien Bonaparte kennengelernt, die als ital. Adlige mit einem Metzger zusammenlebt, jedoch nicht mit diesem verheiratet ist), aber dadurch hatte die Linie eben leider immer so eine Abseitsstellung und verkehrte nach den einzelnen Biographien der Brüder Pierres (also Kinder von Lucien) zu urteilen kaum bei Hofe Napoleons III. Obgleich ja dieser auch nicht überall beliebt war, denn immer wieder ging ja das Gerücht, dass die wenig treue Hortense "den falschen Louis" gemacht habe (Louis Bonaparte hatte anfänglich tatsächlich die Vaterschaft nicht anerkennt, wohl aus Ärger wegen der Untreue seiner Frau, später revidierte er das) wie es so schön in "die Bonaparte" von Rioux heißt (vergleiche mit Plon-Plon, der Napoleon wie aus dem Gesicht geschnitten scheint"). Auch Pierre und Roland glichen Napoleon I im Sinne der etwas kompakten Statur, nicht aber von der Größe her, denn Roland soll sehr groß gewesen sein! Bei Pierre weiß ich es nicht, Napoleon III. war wieder recht klein dagegen, während der Herzog von Reichstadt nach Angaben seiner Mutter "ein Riese war" (Er muss in kurzer Zeit sehr schnell gewachsen sein, was ihn gesundheitlich sehr belastete)
    Wie gut sich Pierre mit dem Halbbruder Plon-Plons aus der Ehe von Elizabeth Patterson verstand muss ich erst nochmal nachlesen. Ich weiß nur, dass zum Beispiel Prinzessin Mathilde und Prinz Napoléon (also PLon-Plon) sogar für die Ausstaffierung der Unform etc für die Miltärausbildung von Roland aufkamen, weil das Geld bei Nina, der Frau von Pierre-Napoleón war, sehr knapp war (Allerdings wollte Roland ursprünglich gar nicht Offizier werden, seine Mutter drängte ihn, weil sich das für "einen Bonaparte" so gehöre, Roland interessierte sich aber mehr für eine Farne)
    Ja, an das Bild von dem kleinen Sohn von Jerome kann ich mich erinnern. Die Austellung war einfach toll. Anscheinend warst Du ja auch da. Ich hatte es gerade noch am letzten Tag geschafft. Ja, über die Linie Bonaparte-Patterson möchte ich einen eigenen Thread noch erstellen. Das Buch "die amerikanischen Bonapartes" von Mario Marquet soll sehr informativ sein und sehr amüsant ebenfalls, es ist zwar nicht mehr im Druck, wird aber noch antiquarisch verkauft. Ich möchte es mir unbedingt noch anschaffen (wenn mal nicht schon alles so voll wäre in meinem kleinen Zimmer...)
    Geändert von Britt.25 (14.12.2008 um 11:16 Uhr)
    "Da nichts im Laufe unseres Lebens ausgelöscht wird, ist jeder von uns wie ein Dokument, in dem, zwar gekürzt, die ganze Geschichte und die ganze Frühgeschichte der Menschheit niedergeschrieben ist"

    Marie Bonaparte (1882-1962)

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