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Thema: Mörserboote

  1. #1
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    Standard Mörserboote

    Hallo Leute,

    langsam fange ich an mit meinem Diorama zur Belagerung Wittenbergs.

    Eine Besonderheit (obwohl das in verschiedenen zeitgenössischen Werken zum Festungskrieg von den Autoren empfohlen wird), waren zwei mit Mörsern bestückte Boote, die im Stadtgraben umher fuhren und die Preussen bei Ihren Schanzarbeiten beschossen. Vom Glacis gegen Sicht gedeckt, war dies eine hervorragende Möglichkeit den Belagerer ständig zu beunruhigen, ohne Gefahr zu laufen den Standort der jeweiligen Geschütze preis zu geben. Man gab mehrere Schuss ab und ruderte einfach ein Stück weiter. Laut Major Vogel in seinem Buch zur Belagerung handelte es sich um umfunktionierte Elbkähne, also bug- und heckwärts spitz zulaufende mehr oder weniger grosse Boote, die sowohl einmastig gesegelt, als auch gerudert werden konnten.

    Hat vielleicht zufällig jemand eine Abbildung eines solchen oder ähnlichen Mörserkahns in seinem Fundus? Oder vielleicht eine Abbildung, welche die Frage beantwortet, wie denn ein Mörser in einem Flußboot gebettet war?

  2. #2
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    Interessante Fragestellung.

    Soweit ich verstanden habe, waren u.a. auch Flöße üblich, auf die die Mörser mit den üblichen Bettungen gesetzt wurden. Diese hatten einen geringeren Tiefgang als Boote, waren nur vor der Krönung des gedeckten Weges von Nutzen, weil danach die Angreifer direkte Sicht in den Graben hatten. Diese waren im Vergleich zu Booten nur schwer zu steuern und verfehlten z.B. bei der Belagerung von Mainz 1793 ihren Auftrag. Die Konstruktion war wie der schwimmenden Batterien, vergleiche Rouvroy's Standardwerk zum Batteriebau .

    Bei der Seekriegsführung gab es zur Bombardierung der Häfen auch die sogenannten Bombarden/Bombardiergallioten für schwere Mörser; wegen des Gewichtes der schweren Mörser und des Röckstoßes waren Subkonstruktionen erforderlich, damit der Schiffsboden nicht beschädigt wurde. Bei den auf der Elbe üblichen Flachbodenschiffen oder Patrouillenbooten (s.u.) hätte das durch eine improvisierte Balkenlage gewährleistet werden müssen, die in jeden Fall auch den Schwerpunkt so niedrig wie möglich halten musste.

    Ein weiterer Punkt betrifft das Richtverfahren: ich nehme an, dass die Boote mit Tauen fixiert wurden und das eigentliche Richten über das Drehen auf der Bettung erfolgen mußte (im Ggs. zu den Bombarden, wo der festehende Mörser mittels Ankertauen gerichtet wurden). Interessant ist weiter, wie die Feuerleitung erfolgte, denn eine Beobachtung des Aufschlags aus dem Graben heraus war ja nicht möglich. Vermutlich kam es auch nicht so genau darauf an, wenn man nur die ungefähre Richtung und die Entfernung zu den ausgedehnten Angriffsgräben kannte.

    Ein weiterer Punkt ist, wie die Flachbodenschiffe aus der Elbe überhaupt in den Hauptgraben geschafft werden konnten, da das angestaute Grabenniveau einige Meter über der Elbe lag? Auf den Plänen kann ich keine direkte schiffbare Verbindung zur Elbe erkennen. Die regulierende Schleuse ist auf den Plänen ebenfalls nicht verzeichnet; vermutlich lag sie beim Ravelin der Elbtores. Beim Plan von Plotho, den Vogel abgezeichnet haben dürfte, sind nur sehr schmale Wassergräben zu erkennen, die keineswegs die gesamte Breite der Grabensohle ausfüllten, wie das Vogel darstellt.

    zum Transport über Land hätten also die Boote auf Rollen gegesetzt werden müssen. Wegen der üblichen Länge dürfte die Boote kaum in den engen Gräben manövrierfähig gewesen sein. In den nassen Festungsgräben waren dagegen auch Patrouillenboote üblich, die außerdem zur Kommunikation mit den Werken jenseits des Hauptgrabens dienten, so denn keine Stege existierten. Hierüber sollte sich eine Nachweisung bei der Armierung finden, siehe z.B. Jülich nach 1815. Das ist wie gesagt nur eine Plausibilitätsbetrachtung.

    Desweiteren nennt Vogel nicht das Kaliber der Mörser; ich vermute, dass nur leichte 10-pfündige Mörser bzw. Steinmörser o.ä. zum Einsatz kamen, deren Wurffeuer zur Behinderung der Grabenarbeiten völlig ausreichte. Außerdem würden leichten Mörser keine besonders schweren Subkonstruktionen erfordern.

    Der improvisierte Einbau der Bettungen war Sache der Zimmerleute, die mit Sicherheit keine Aufzeichnungen hinterließen, denn sie lösten diese Aufgabe mit ihrem Handwerkerwissen. Ich würde es deshalb für aussichtsreicher halten, bei den allg. Lehrbüchern der Artillerie und des Batteriebaus nach Musterlösungen zu forschen. Rouvroy, Batteriebau, 1809, geht nur auf den Bau von Kanonenbatterien auf Flößen ein.

    In jedem Fall ist das ein sehr einfallsreicher Einsatz im nassen Graben, der mir bisher von keiner anderen Belagerung bekannt ist.

    Nebenbei bemerkt, ist es immer nützlich für den Leser, die besagten Seiten (hier Vogel S. 119) zu zitieren oder besser noch, hier im Wortlaut einzustellen.
    Bei der Relation des leitenden Artillerieoffiziers v. Bardeleben im Plotho finde ich keine Erwähnung der Boote, bisher jedenfalls.
    Geändert von Blesson (03.03.2019 um 20:24 Uhr)

  3. #3
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    Hier das Dementi des leitenden Ingenieuroffiziers v. Plauzen in Plotho 3, S. 168:Plotho_3_.JPG

    Die Annahme mit den Mörserbooten ist zwar schön, aber leider doch nicht belegt.
    Geändert von Blesson (03.03.2019 um 22:18 Uhr)

  4. #4
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    Standard Plattformen wurden auch auf Flüssen angewendet

    Das Verfahren (Boote / schwimmende Plattformen mit Mörsern u.ä. im Graben) wurde in den Revolutions- und napoleonischen Kriegen öfters angewendet. Es gab auch die Variante, bei à cheval eines Flusses gelegenen Festungen die Plattformen auf dem Fluss zu stationieren, um die Trancheen des Belagerers zu flankieren bzw. in den Rücken zu nehmen (so bspw. bei der 2. Belagerung von Saragossa 1808/09 durch die Spanier gebraucht).

    Gruß, Tom
    Geändert von Tom (04.03.2019 um 10:19 Uhr)

  5. #5
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    Es gab auch die Variante, bei à cheval eines Flusses
    à cheval - gibt es ja auch z.b. bei der Bezeichnung einer Position einer Truppe an einer Straße, aber was genau heißt es - links und rechts davon? Seitlich??

  6. #6
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    Standard À cheval oder rittlings...

    Ja, bei Festungen bedeutet es beidseitig des Flusses, wobei die Festungsanlagen ungleich verteilt sein können, d.h. auf einer Seite der "Kern" der Festung und auf der anderen Seite nur eine befestigte Vorstadt bzw. ein mehr oder weniger großer Brückenkopf.

    Gruß, Tom

  7. #7
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    Hallo Blesson,

    erstmal Entschuldigung für die späte Rückmeldung. War sehr beschäftigt mit Geld verdienen und Modellbau.

    Vielen Dank für die fundierte Einschätzung meiner Frage. Ein Modellbaufreund aus Schiffsmodellbautagen, der als Experte für gesegelte Kleinfahrzeuge gilt, hat mir ein Wasserlinienmodell eines Elbkahns, einen so genannten Giekewer, gebaut. Die Aufstellung des Mörsers ergibt sich aus der Bauweise des Bootes. Eine Balkenbettung hat dann den Aufstellort entsprechend verstärkt, um den Plattboden vor dem Rückschlag des Geschützes zu schützen.

    Von Plautzen widerspricht sich in seinem Text aber schon selber. Erst wurde die Sappe mit Mortieren von Kähnen beworfen, dann dementiert er, das Mörser auf Kähnen gestanden haben? Da sich der erste Teil des Textes mit Vogel deckt, neige ich dazu die Mörserkähne als gegeben anzusehen.

    Hier der Text aus Vogels Buch:

    Man entdeckte auch (nach Erreichen des gedeckten Weges), daß der Feind Mörser auf Kähnen in den Graben gestellt gehabt hatte, und beim Werfen damit hin und her gefahren war, welches nicht nur das Zufrieren des Wassers hinderte, sondern auch bewirkte, daß unsere Artillerie vergebens ein Feuer bekämpfte, das nirgends Stich hielt. (Der Belagerte wollte den Gebrauch der Mörser auf diese Art läugnen)



    Elbkahn.jpg
    Geändert von Mr. Pett (12.03.2019 um 20:32 Uhr)

  8. #8
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    Sicher widerspricht sich Plauzen, aber die Befragung des franz. Artillerieoffiziers vom Platz ist aber wohl höher zu bewerten (eine kurze Annotation ist noch im Satz vor dem Druck möglich); Bardeleben als leitender Artillerieoffizier der Belagerung erwähnt die schwimmenden Mörser überhaupt nicht. Das sind erst einmal die amtlichen Quellen (die sich natürlich auch irren können). Leider scheint das franz. Belagerungsjournal, welches darüber Aufsschluss geben könnte, verlorengegangen zu sein. Möglicherweise gibt es in Vincennes doch noch bisher unbekanntes Material.

    Vogel hat sicher 1844 von den Berichten seiner beiden Vorgänger abgeschrieben, die ja schon 1817 bei Plotho im Druck erschienen. Er hat sie nicht zitiert (wahrscheinlich hat es ihm an der wissenschaftlichen Ausbildung gefehlt, aber Bardeleben war vermutlich noch im aktiven Dienst und Ranghöhere kritisiert man nicht direkt), nur auf S. 159 und 160 ist von Tagebüchern die Rede. Vogel war allerdings Augenzeuge, wenn auch in einer subalternen Position, vermutl. bei der Breschbatterie, wie er selbst schreibt.
    Geändert von Blesson (14.03.2019 um 22:23 Uhr)

  9. #9
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    Bardeleben erwähnt in seinen Dispositionen für den Batterienbau S. 154, 155 und 159 den Lieutenant v. Vogel, womit also die subalterne Stellung bestätigt ist.

  10. #10
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    Ich habe noch einmal nach schwimmenden Mörserbatterien und Mörserbooten bei den Land-Belagerungen 1790-1815 recherchiert. Ich habe nur die ff. Belege für eine schwimmende Mörserbatterie bzw. Haubitzbatterie auf Flößen gefunden.

    Artois_Relation de la defense de Danzig en 1813, par le 10e. corps de l ..., Band 1_S_309.JPGArtois_Relation de la defense de Danzig en 1813, par le 10e. corps de l ..., Band 1_S_417.JPGCotty_Dictionnaire de l'artillerie_30.JPGMassont_Histoire des campagnes de M. le m.al e Maillebois en Italie_3_S_585.JPG

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