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Thema: Verschossene Kanonenkugeln - recyclet oder entsorgt?

  1. #1
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    Standard Verschossene Kanonenkugeln - recyclet oder entsorgt?

    Hallo Allesamt,

    weiß eigentlich jemand aus sicherer Quelle, was mit den Kanonenkugeln passierte, die nach einer Schlacht so über das Feld verteilt rumlagen? Es sind ja nicht alle in den Boden eingedrungen, sondern manche solange rumgerollt, bis sie zum Stillstand kamen.

    Ich habe ja einen komischen Verdacht, den ich Euch aber erst mitteilen möchte, nachdem ich ein paar Meinungen habe.

    Viele Grüße,
    Günter

  2. #2
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    Ausrufezeichen Kanonenkugeln!?

    Aus Büchern weiß ich das sie die Kanonenkugeln einfach liegen gelassen haben. Anwohner sammelten diese meist auf und brachten sie zum Schmied, von dem sie eine geringe Entlohnung bekamen. Mehr weiß ich leider auch nicht. Aber welchen Verdacht hast du denn? Nun ja, wird man ja hören!
    Meridor

  3. #3
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    Hi Meridor,


    Teil 1 Deiner Antwort bestätigt meine Theorie. Und manchmal wurden die wohl einfach von den Anwohnern nach der Schlacht entsorgt. Konkret weiß ich von einem Fund auf einem ehemaligen Schlachtfeld in Bayern von 1809. Heute ist das ganz normaler landwirtschaftlicher Grund, aber 1809 war das 2 Tage lang ein in heftigen Artilleriegefechten umkämpfter Hügel, auf dem am ersten Tag die Österreicher und später dann Bayern und Franzosen in Stellung gingen.


    Hier wurden sechs Kanonenkugeln dicht an dicht liegend in ca. 40 bis 50 cm Tiefe gefunden. Und unter den Kugeln lag noch ein Fragment einer Granate. Bei den Kugeln handelte es sich um 3 Sechspfünder, 2 Achtpfünder und einen Zwölfpfünder. Was dafür spricht, dass die Dinger nicht während der Schlacht in das Loch kamen ist, dass der Zwölfpfünder wohl sicher ein Ösi ist (laut meinem Osprey Buch hatten die Franzosen und Bayern kein solches Kaliber dabei), die Achtpfünder aber eindeutig französisch. Sechspfünder hatten ja alle drei Parteien.Ich denke also, dies war ein Müllloch, das die Bauern nach der Schlacht mit Kugeln gefüllt hatten. Dieses Loch war wahrscheinlich der Krater der Hohlkugel, deren Fragment zu unterst darin lag.


    Komisch ich hatte zuvor gedacht, dass die Armeen, Kugeln nach der Schlacht wieder mitgenommen hätten. Die dürften doch noch immer brauchbar gewesen sein. Und auch hätte ich nicht gedacht, dass die Landbevölkerung am Schlachtort die Dinger anderenfalls einfach entsorgt hätte, sondern - wie Du ja schriebst - eher einem Schmied verkauft. Vielleicht gibt es ja auch eine andere Erklärung für diesen seltsamen Kugelhort. Aber mir fällt keine ein.

    Viele Grüße,
    Günter

  4. #4
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    Carl Götting schreibt in seinen Feldzugserinnerungen "Mit Napoleon nach Rußland" das ca. vier Wochen nach der Schlacht von Borodino ein Kommando Jäger (Westphalen) zum Schlachtfeld geschickt wurde, um Kanonenkugeln aufzusammeln und ins Wasser zu schmeißen. Man befürchtete, daß die Russen bei einem Gegenstoß diese aufsammeln und wieder verwenden würden. Die Jäger wühlten sich nun durch die Kadaver und der größte Teil starb an den Folgen dieses Einsatzes, ein Vetter des Schreibers wurde wahnsinnig bevor er starb.
    Gruß Henning
    Wenn man merkt, dass man auf einem toten Pferd sitzt, sollte man absteigen!

  5. #5
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    Hallo Allesamt,

    ich habe heute in meinem Osprey-Buch zu Aspern und Wagram gelesen, dass die Franzosen hier zumindest schwere Zwölfpfünder als Reserve-Artillerie dabei hatten. Dann nehme ich doch schwer an, dass die in den zuvor stattgefundenen Schlachten und Gefechten in Bayern (wie Abensberg, Landshut, Eggmühl etc.) auch schon mit von der Partie waren.

    Also könnten doch sämtliche in diesem Loch gefundene Kugeln den Franzosen und Bayern zugeordnet werden, was dann wiederum bedeuten könnte, dass diese von den Österreichern am Ende des ersten Tages der Schlacht eingesammelt und in diesem Krater gelagert wurden. Beim Rückzug am nächsten Tag wurden sie dann evtl. absichtlich begraben, damit sie dem Gegner nicht mehr zur Verfügung stehen (wie Henning ja bereits geschrieben hat), oder vielleicht auch unabsichtlich verschüttet (z.B. durch einen Granateinschlag in unmittelbarer Nähe).

    Nun ja, ich fürchte, man wird nicht genau rekonstruieren können, wie sechs Kugeln dreierlei Kaliber und ein Granatsplitter in einem Loch zusammenkamen.

    Viele Grüße,
    Günter

  6. #6
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    Das Verfahren dürfte sich ja nach der Situation gerichtet haben. Hatte man die Schlacht gewonnen, Zeit und Leute genug, dann wurde der ganze Kram aufgesammelt. Passten die Kugeln, brauchten sie nur mit neuen Treibladungen patroniert werden und fertig. Manchmal stimmte die Beutemunition aber nicht mit dem eigenen Kaliber überein, was zu einem "Verladen" führte, d.h., das Geschoss blieb beim Laden im Lauf stecken und machte das Geschütz zumindest zeitweise unbrauchbar.

  7. #7
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    Kennst Du konkrete Beispiele für dieses "verladen" aufgrund von zu großen Kugeln ? Als Laie würde ich davon ausgehen, daß, wenn eine Kartusche samt Kugel vorne in das Rohr hineinpaßt, sie auch bis ans Ende des Rohrs hinunter gerammt werden kann - wenn auch vielleicht nicht ohne erhöhten Kraftaufwand.

    Den Ausdruck "verladen" - aber hier kann ich jetzt leider kein konkretes Beispiel mit Fundstelle nennen - kannte ich bisher nur für den seltenen Fall, daß ein unbegabter Kanonier die Kartusche falsch herum einsetzte, so daß die Kugel unterhalb des Zündlochs zu liegen kam.

  8. #8
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    Das Steckenbleiben von leicht zu großen Kugeln kann ich mir schon gut vorstellen. Zumindest gerade beim Sechspfünder, der ja so später ziemlich von allen Kriegsführenden Parteien eingesetzt wurde. Da das Pfund aber nicht genormt war, könnte da je nach Land schon Größenabweichungen im mm-Bereich vorhanden gewesen sein, die beim doch recht geringen Spiel im Kanonenrohr dann zu Problemen geführt haben können. Ich glaube (korrigiert mich bitte, falls ich irre), dass eine Schusswaffe mit der Zeit im Mündungsbereich mehr Material verliert als weiter hinten. Das könnte dann also dazu führen, dass die Kugel noch ein zwei Fuß ins Rohr passte und dann verklemmte. Es gab ja auch Instrumente zum Kugeldurchmesser prüfen - siehe Bild (Quelle Osprey Publishing).

    Aber um noch mal auf mein Uransinnen zurückzukommen: glaubt Ihr, es ist möglich, dass die Ortsansässigen nach einer Schlacht liegen gebliebene Kugeln einfach entsorgt hatten, anstatt das Eisen zu verkaufen? Ich bin auf die englischsprachige Seite eines Hobby-Forschers gestoßen, der drei ähnlich interessante Endeckungen gemacht hat, wie die Kugelansammlung, von der ich bereichtet. In zwei Löchern fand er 7 und 17 Kartätschkugeln und in einem anderen 9 Splitter von Granaten. Alles war dort wohl schon lange vergraben, so dass es so aussieht, als wäre dies auch nach der Schlacht bei "Aufräumarbeiten" passiert. Siehe auch http://www.adventurehistory.com/sear...est/index.html. Vielleicht begegnete man derlei Überbleibseln ja mancherorts mit einem gewissen Aberglauben. Schließlich könnten sie Menschen getötet haben und dann wollte man das Eisen nicht wieder verwenden... aber das ist jetzt glaube ich eine zu gewagte Theorie.

    Viele Grüße,
    Günter
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  9. #9
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    Die Frage wird vermutlich beantwortet durch den Preis, den man erzielen kann, indem man die Kugeln zum nächsten Schmied schleppt - wobei der Durchschnittspreis durch das Überangebot nach einer Schlacht wahrscheinlich noch etwas nach unten geht.

    1826 wurden in der preußischen Armee zur Berechnung des Wertes der vorhandenen Vorräte in einer Artillerie-Werkstätte folgende Preise zugrundegelegt:

    1 Pfund Roheisen in Blöcken oder Stangen: 3 (drei) Pfennig

    Leider ist der Preis für Kanonenkugeln oder Granaten nicht aufgeführt, dafür aber:

    1 Brandkreuz für die 7pfündige Haubitze: 1 Reichstaler 7 Groschen
    1 Brandkreuz für die 10pfündige Haubitze: 1 Reichstaler 16 Groschen

    Nach Deckers Taschenartillerist von 1828 wogen Leuchtkugel-Kreuze (ich nehme an, daß man die zumindest als Äquivalent zu den Brandkreuzen ansehen kann, daneben werden sonst nur Brandbomben, Granaten und Vollkugeln aufgeführt):

    für die 7pfündige Haubitze: 5,5 bis 6 Pfund
    für die 10pfündige Haubitze: 7,5 bis 8 Pfund

    Zur Napoleonischen Zeit entsprach 1 Reichstaler = 24 Groschen = 288 Pfennige, aber ich glaube, es gab nach 1816 eine Art Währungsreform mit anderen Umrechnungsverhältnissen ?

    Jedenfalls, wenn der Preis der Kanonenkugel dem von Roheisen entsprach, lohnte es ich kaum, eine 6pfündige Kanonenkugel kilometerweit zu schleppen, um dann 18 Pfennige dafür zu bekommen. Für einen ortsansässigen Schmied war eine Kanonenkugel ja nichts anderes als Roheisen.

    Die Brandkreuze waren im Vergleich zu den Kanonenkugeln aufwendiger und wohl in mehreren Arbeitsschritten herzustellen, die alle hohe Hitze, also zu bezahlende Kohle oder Holz erforderten, deswegen der im Vergleich zum Roheisen um ein vielfaches höhere Preis pro Pfund. Aber auch sie hatten für den Schmied nur den Gebrauchswert als Roheisen, aus dem er vielleicht etwas anderes schmieden konnte - falls er mit den Gußeisen überhaupt irgendetwas anfangen konnte.

  10. #10
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    Vielen Dank für die Erläuterungen, Sans-Souci.

    Jetzt bin ich doch schon mal ein bisschen klüger und glaube wirklich, dass die Kugeln entweder entsorgt oder evtl. zur späteren Abholung versteckt und dann vergessen bzw. nicht wiedergefunden wurden.

    Viele Grüße,
    Günter

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