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Regimentsmusik - vor allem Russischer Regimenter

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  • Regimentsmusik - vor allem Russischer Regimenter

    Ich hätte da mal eine dumme Frage.

    Ich stelle des öfteren fest, dass oft nicht immer sauber zwischen Spielleuten (Tambouren, Pfeifer, Hornisten) und den eigentlichen Musikern, die die Regimentskapellen bilden, unterschieden wird. Im englischen Sprachraum trifft man immer wieder Leute, die von "musicians" reden, wenn sie eigentlich Spielleute meinen. Sind die "musicians" bei Nafziger wirklich Musiker der Regimentskapellen oder vielleicht doch einfach nur Spielleute, zumal ich keine separat aufgelisteten Tambouren, etc. sehe? Oder sind vielleicht sowohl als auch gemeint? Dann müsste man mal ausrechnen, wie viele Spielleute pro Regiment (verteilt auf die Anzahl der Kompanien, etc.) benötigt wurden. Der Rest waren dann, vielleicht, "echte" Musiker.

    Persönlich neige ich ja zur Annahme, dass Spielleute gemeint sind, denn gute Musiker waren selten und grössere Militärkapellen fanden sich sicher nicht bei jeder x-beliebigen Einheit. In der Dörfeldtschen Sammlung sind die Stücke für 26 Musiker +/- arrangiert. Als Chef der Garde-Regimentsmusiken hat Dörfeldt aber mit Sicherheit in erster Linie für diese Einheiten Arrangements geschrieben, und nicht für irgendwelche Linieneinheiten.

    In diesem Zusammenhang von Interesse ist ein bei Hofer, Die »Königlich Preußische Armeemarschsammlung« 1817-1839, Bd.5.1, S.8, Anm.27, erwähnter Befehl Alexanders I. vom 19. August 1808, mit dem angeordnet wird, dass alle Garde-Einheiten ein Orchester von 25 Musikern bekommen sollten, mit Ausnahme des Preobrashenskij-Garde-Regiments, dem 40 Musiker zugestanden wurden. Und das waren ja Soll-, nicht unbedingt Ist-Stärken. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass 1812 bei der Linie etwas Vergleichbares anzutreffen gewesen wäre.

    Ich kenne nur ein paar weitere Angaben aus der Literatur (Tradition Magazine, Osprey) zur Stärke russischer Regimentskapellen. Alle schwanken so zwischen 5 und 11 Musikern. Laut Haythornthwaite, The Russian Army of the Napoleonic Wars (1): Infantry, 1799-1814 [Osprey Men-at-arms 185], S.16, wiesen die Musiken der Garde-Regimenter (3 Bataillone) um 1812 insgesamt nur 11 Musiker (nebst 3 Tambour-Majoren [Regiments-/Battalionstambouren], 36 Tambouren und 24 Pfeifern) auf (das Preobrashenskij-Regiment etwas mehr, wenn es 4 Bataillone stark war), also nicht einmal die Hälfte der von Alexander im Jahr 1808 zugestandenen Musiker (aus welcher Quelle Haythornthwaite seine Zahlen bezieht, weiss ich nicht, vermutlich aus einem oder mehreren der in den im op.cit., S.47, aufgeführten Bücher und Artikel).

    Also nochmals die Frage: "Musicians" bei Nafziger = Musiker der Militärkapellen oder eben doch einfach nur Spielleute? Ich denke: Spielleute.



    PS: Falls jemand irgendwelche zeitgenössischen Dokumente oder verlässliche Augenzeugenberichte kennt, in denen ganz konkrete Angaben zu finden sind betreffend die Stärke, Besetzung oder Uniformierung der Regimentsmusik (nicht Spielleute!) einer klar definierten russischen Einheit (oder auch von Einheiten anderer Nationen), an einem genannten Ort, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, bitte hier einstellen! Danke.
    Zuletzt geändert von Tellensohn; 13.09.2012, 13:39.

  • #2
    @Tellensohn,
    in der Liste sind sowohl Musiker als auch Spielleute gemeint. Deutlich wird das nur bei den Artilleriebrigaden und zwar bei den Batterien mit mehr als 2 "musicians". Was will denn eine Batterie mit 10+ Spielleuten? Einer Aufstellung aus den Jahrzehnten nach den Kriegen ist zu entnehmen, dass den Batteriekompanien des Brigadekommandeurs die Brigademusiker zugeteilt waren, etwa in der Stärke wie in der Liste zum Teil angegeben. Das muss es also bereits 1812 gegeben haben.

    -Bei der Infanterie sollte jede Kompanie 3 Trommler haben, die Grenadierkompanien (je 1 pro Bataillon) zusätzlich 2 Pfeifer. Beim Leibgrenadierregiment hatte jede Kompanie 2 Pfeifer. Ob das bei der Garde wirklich auch so war?
    -Jedes Bataillon hatte einen Bataillonstrommler, der beim 1. Bataillon zugleich Regimentstrommler war, alle im Unteroffiziersrang. Tambourmajore gab es 1812 nur bei der Garde, bei der Linie wohl erst nach Ende der napoleonischen Kriege.
    -Die eigentlichen Musiker sollten nur 9 Mann pro Regiment sein, alle im Unteroffiziersrang. Vorgesehen waren 2 Fagottisten, 2 Waldhornisten, 2 Klarinettisten, 2 Pfeifer und ein Trommler (wahrscheinlich mit einer großen Trommel). Regimenter, die mit silbernen oder St. Georgstrompeten ausgezeichnet worden waren, erhielten dafür eigens 2 zusätzliche Musiker auf den Etat. Jägerregimenter hatten vor ihrer Angleichung an die übrige Infanterie statt der Musiker 8 Waldhornisten. Wieweit das im Laufe der Zeit tatsächlich umgesetzt worden ist, bleibt unbekannt.

    Die Musiker sollten nach einem Befehl von Barclay de Tolly ab einer geringen Mindeststärke an Kämpfern in die Kompanien eingereiht werden. Im Gegensatz zur französischen Armee standen die russischen Musiker auf dem Etat ihrer Einheit. Meine Angaben stammen aus dem Infanterieband von Ilya Ulyanov von 2008 und von Viskovatov.

    Grüße

    Gunter
    Zuletzt geändert von Gunter; 14.09.2012, 09:01.

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    • #3
      @Gunter

      Danke für die interessanten Erläuterungen.

      Auf jeden Fall wird deutlich, dass die Linieneinheiten über wesentlich weniger "richtige" Musiker verfügten als die Gardeeinheiten, bei denen die 25+ Musiker eben auch wirklich Musiker der Regimentsmusik waren, ohne dass die Spielleute der Kompanien mit eingerechnet waren. Das lässt sich an den Besetzungslisten der Dörfeldtschen Sammlung sehr schön ablesen. Ich führe hier als Beispiel die Besetzung für den russischen Armeemarsch Ru AM Pas accéléré N°2 (um 1809/10) (= Kgl. Preuss. Armeemarsch AM II/1) an:

      2 Piccolo-Flöten
      2 Flöten
      1 Piccolo-Klarinette in F
      2 Klarinetten in C
      2 Bassetthörner
      2 Oboen
      2 Hörner in C
      2 Hörner in F
      2 Trompeten in C
      1 Bass-Posaune
      2 Fagott
      1 Kontrafagott
      1 Basshorn [das ist im Prinzip ein gerader Serpent]
      1 kleine Trommel [eine gewöhnliche Militärtrommel)
      1 Grosse Trommel
      1 Paar Becken
      1 Triangel

      Total: 26 Instrumente (nach Hofer, op.cit., S.19 [Abbildung der 1. Notenseite des Marsches] und S.37 [tabellarische Besetzungsliste]).

      Interessant ist, dass Schellenbäume, obwohl damals "hip", in keiner Besetzungsliste erscheinen. Ich vermute mal, weil sie entweder in der russischen Armee nicht in Gebrauch waren (was ich eigentlich nicht glaube, weil sowohl zeitgenössische Abb. hin und wieder solche zeigen als auch einzelne Originale aus der Zeit erhalten sind), oder aber weil Schellenbäume weniger als Instrumente denn als "Standarte" der Regimentsmusik galten (wenn ich mich recht erinnere, ist das übrigens bei allen anderen Nationen auch so. Der ikonographisch und aufgrund erhaltener Exemplare bestens bezeugte Schellenbaum wird in den Partituren nicht aufgeführt - anders etwa das Glockenspiel, bei dem die Glöcklein angeschlagen werden. Die Erwähnung des "chapeau chinois" als Instrument französischer Militärkapellen ist, soweit ich sehe, auch nur in der Literatur anzutreffen, also neueren Datums).

      Den Arrangements von Dörfeldt nach zu urteilen konnte die Instrumentierung variieren, je nach zu spielendem Stück (wobei ich davon ausgehe, dass etliche Musiker, entsprechend den damaligen Anforderungen, in der Lage waren, verschiedene Instrumente zu spielen).


      Um nochmals auf das Beispiel der Artilleriebrigaden zurückzukommen: Die Angaben bei Nafziger interpretiere ich so, dass jeder Batterie 2 Spielleute zugeteilt waren. Wenn die "Position battery" (auch "Stabsbatterie"?) 17 resp. 10 "Musiker" hatte, dann heisst das wohl 2 Spielleute + 15 resp. 8 Musiker der Militärkapelle (oder: 2 Spielleute + 1 "Brigadetrommler", falls es so etwas gab + 14 resp. 7 Musiker der Militärkapelle)?

      Gruss, T.
      Zuletzt geändert von Tellensohn; 14.09.2012, 13:39.

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      • #4
        Ja, bei den Batteriekompanien (d.h. schwere Feldgeschütze) der normalen Feldartilleriebrigaden ist auch ein Brigadetrommler mit einzurechnen. Mir erscheinen die Zahlen aber zum Teil zu hoch. Mehr als 10 Musiker sollte eigentlich keine Brigade gehabt haben, vielleicht sind ein paar kleine Schreibfehler mit drin.

        Grüße

        Gunter

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