Hautboisten und Bandisten eines K.K. Infanterieregiments

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  • Tellensohn
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    Chef de Bataillon
    • 16.02.2011
    • 1253

    Hautboisten und Bandisten eines K.K. Infanterieregiments

    Überarbeitete Fassung, gekürzt:

    In Depesche Nr.10 findet sich ein kurzer Aufsatz von Friedrich Herrmann mit dem Titel "Spielleute und Musiker der österreichischen Infanterie 1815", dem einige Zeichnungen von K.K. Musikern nach einer zeitgenössischen Darstellung von Jean-Baptiste Boillot beigefügt sind (S.13f. und Tafel 2; http://www.napoleon-online.de/html/depesche.html). Dieser interessante Aufsatz hat mich dazu bewogen, nach Boillots Originalbild zu suchen und ich bin schliesslich in folgendem Werk fündig geworden:

    Eugen Brixel, Gunther Martin, Gottfried Pils, Das ist Österreichs Militärmusik. Von der "Türkischen Musik" zu den Philharmonikern in Uniform, Graz-Wien-Köln: Verlag Styria (Edition Kaleidoskop), 1982, S.73, Abb. unten (s. Anhang 1). [Kolorierte Sepia-Zeichnung von Jean-Baptiste Boillot (um 1815-1818), 9.7x 15 cm. Wien, Heeresgeschichtliches Museum, Inv. Nr. BI 22739.]

    Nach eingehender Betrachtung des Bildes hätte ich den Ausführungen Herrmanns doch einige ergänzende Bemerkungen hinzuzufügen bzw. die eine oder andere Korrektur anzubringen. Bitte den Text Herrmanns selber lesen um festzustellen, in welchen Punkten ich anderer Meinung bin.


    Instrumente:

    A: Militärtrommel mit gelb und schwarz gestrichenen Reifen, Bandolier weiss mit gelbem Beschlag;

    B: nicht sichtbar [am wahrscheinlichsten: 1 Triangel oder 1 Paar Becken];

    C: Schellenbaum aus Messing (gelb) mit Sonne/Stern, Halbmond und zwei Glockenhüten, Halbmond mit hellblau-grauen Rossschweifen behängt, Stange dunkelbraun. Das Bild scheint oben nicht vollständig ausgeführt; vermutlich wies die Spitze des Schellenbaum noch eine weitere Bekrönung auf, möglicherweise in Gestalt eines Doppeladlers (ikonographisch und durch erhaltene Originale belegt);

    D: Ich erkenne mehr als vier Blasinstrumente, nämlich vorn: 3 Trompeten (eine in jeder Hand und eine weitere über der Brust), 1 Hörnchen an gelb-schwarzer Schnur. Am Rücken: 1 ?Posaune oder ?Zugtrompete, und 1 ?Waldhorn (über dem Schalltrichter der Posaune/Zugtrompete erkenne ich einen Abschnitt eines scheinbar kreisrunden Instruments, an den sich links ein Mundstück anschliesst);

    E: Mit Sicherheit keine Oboe, sondern ein Basshorn (das ist - wie das bei den Franzosen "basson russe" genannte Instrument - ein gerader Serpent). Das Holz offenbar geschwärzt oder mit schwarzem Leder oder Tuch überzogen;

    F: Klarinette unter den linken Arm geklemmt, in der Linken ein taschenähnlichert Gegenstand, den ich nicht zu identifizieren vermag. Evtl. ein Instrumentenetui für Einzelteile der Klarinette? Evtl. auch ein Metronom im Futteral? [1815 hatte Johann Nepomuk Mälzel ein Metronom ähnlicher Form erfunden, allerdings mit quadratischer Bodenplatte];

    G: Grosse Trommel mit Wischer in der Rechten und Schlägel in der Linken.


    Regimentszugehörigkeit der Musiker in den weissen Röcken :

    Die Abzeichenfarbe (vermutlich "apfelgrün") und die Farbe der Knöpfe ("gelb") lassen m. E. darauf schliessen, dass es sich um Angehörige der Musikbanda des k.k. galizischen Infanterie-Regiments No.9 Cartoryski handelt. Dieses "deutsche" Regiment war Teil des 1815 am Oberrhein stehenden österreichischen Heeres ( im 2. Armeekorps, General der Kavallerie Fürst Hohenzollern-Hechingen, in der Division des Feldmarschall-Lieutenants Mazzuchelli; s. hier: http://books.google.ch/books?id=t00U...page&q&f=false, Dokumentenseite 517f. = Beilagenseite 63f.) und wies, soweit mir bekannt, als einziges Regiment dieses Heeres die genannten Abzeichen- und Knopffarben auf. Schwarze Stutze scheinen die Spieler "türkischer" Instrumente zu kennzeichnen, rote Stutze die Blechbläser (bzw. alle anderen Musiker?).

    Regimentszugehörigkeit der Musiker in grünen Röcken:

    Keine Ahnung; entweder eine andere Einheit, oder es handelt sich um ausseretatsmässige? Musiker, oder in "kleine" Uniform gekleidete reguläre? Musiker des genannten Regiments. Wer weiss...

    Interessant auch, dass es offenbar eine Darstellung des Tambourmajors/Regimentstambours des 9. Regiments von Genty gibt. In Gloire & Empire 41 ist eine Darstellung ("Par W[inand]. Aerts d‘après Genty") dieses Tambourmajors abgebildet (s. Anhang 2). Signiert ist die Darstellung aber mit "René North 61". Ich vermute daher, dass es sich bei Aerts Kopie von Genty um ein anderes Bild handelt, das ich ebenfalls im Anhang gepostet habe (s. Anhang 3), und dass North sein Bild nach Aerts gezeichnet hat. Das Original von Genty kenne ich leider nicht. (Falls jemand dieses Original hat, bitte hier posten. Danke). Fragwürdig erscheint mir die Kolorierung des Bandeliers. Zeitgenössische Darstellungen legen nahe, dass es in der Abzeichenfarbe gehalten war.

    Stärke und Besetzung einer K.K. Regiments-Banda z. Zt. der napoleonischen Kriege:
    Die Stärke und Besetzung einer K.K. Regiments-Banda z. Zt. der napoleonischen Kriege hat (wie bei anderen Armeen auch) variiert. Ab 1806 waren 8/10 Hautboisten und bis zu 36/38 Bandisten erlaubt. Gemäss K.K. Kapellmeister Joseph Fahrbach war eine K.K. Infanteriemusik um 1800-1810 folgendermassen zusammengesetzt:

    2 Flauti
    1 Ottavino [=Piccoloflöte]
    2 Clarinetti
    2 Oboe
    2 Fagotti
    1 Serpente [der Begriff schliesst wohl auch das Basshorn mit ein?]
    2 Corni di caccia
    2 Trombe [eigtl. Trompeten; vielleicht schliesst der Begriff hier aber auch Zugtrompeten bzw.
    Posaunen mit ein?]
    2 Piccoli tamburi [=gewöhnliche Militärtrommeln]
    1 Grande tamburo [Grosse Trommel]
    1 Cimbalo [Becken]
    1 Triangolo

    Total: 19 Musiker

    Ein Schellenbaum wird nicht erwähnt, obschon damals beliebt und üblich, wie u.a. gerade Boillots Bild zeigt.

    (Fahrbach, Giuseppe, „Organizzazione della musica miltare austriaca“, in: Gazzetta musicale di Milano, 5. Jg., Nr.33,35,41,43, S.258; zit nach dieser Arbeit: http://othes.univie.ac.at/5737/, S.51)
    Zuletzt geändert von Tellensohn; 05.10.2012, 07:05.
  • HKDW
    Erfahrener Benutzer
    Colonel
    • 02.10.2006
    • 2957

    #2
    Sehr interessant - mich verwirrt jedoch die Terminologie - davon hab ich keine Ahnung, also

    hautboisten - eigentlich Regimentsmusiker - sehe ich das richtig?

    Bandisten - aber doch eigentlich auch Regimentsmusiker - aber in anderer Uniform - was mich total verwirrt.

    Spielleute - das wären die üblichen Trommler bei den Bataillonen die auch taktische Signale etc. geben.

    Kann es nicht sein dass das schöne Bild von Boillot zwe verschiedene Regimenter zeigt???

    Kommentar

    • Tellensohn
      Erfahrener Benutzer
      Chef de Bataillon
      • 16.02.2011
      • 1253

      #3
      Zitat von HKDW Beitrag anzeigen
      Sehr interessant - mich verwirrt jedoch die Terminologie - davon hab ich keine Ahnung, also

      hautboisten - eigentlich Regimentsmusiker - sehe ich das richtig?

      Bandisten - aber doch eigentlich auch Regimentsmusiker - aber in anderer Uniform - was mich total verwirrt.

      Spielleute - das wären die üblichen Trommler bei den Bataillonen die auch taktische Signale etc. geben.

      Kann es nicht sein dass das schöne Bild von Boillot zwe verschiedene Regimenter zeigt???

      Danke, dass Du nochmals nachgehakt hast. Deine Einwände haben dazu geführt, dass ich meine Quellen noch einmal konsultiert habe. Dabei habe ich festgestellt, dass ich möglicherweise Hautboisten und Bandisten miteinander verwechselt habe (worüber ich mir aber immer noch nicht im klaren bin), weshalb ich bis auf weiteres darauf verzichte, die gezeigten Musiker entweder den "Hautboisten" oder den "Bandisten" zuzuordnen (s. oben, überarbeitete Fassung).

      Vielleicht ist es auch in der Tat so, wie du gesagt hast, dass nämlich tatsächlich die Musiker zweier verschiedener Einheiten gezeigt werden. Welcher Einheit in diesem Fall die Musiker in den grünen Röcken zuzuordnen wären, weiss ich nicht. Ärgerlich. Ich hätte mir einfach mehr Zeit nehmen sollen...

      Was mich in erster Linie verwirrt, ist, dass die einfacher gekleideten Musiker mit den anspruchsvolleren Instrumenten gezeigt werden. Bei Trentsensky/Hoechle 1823 und anderen sind solche Instrumente in Händen der Hautboisten, die aber auch klar die prächtigeren Uniformen tragen. Wer weiss, wen oder was Boillot hier wirklich dargestellt hat. Augenscheinlich aber sind es nur einzelne Musiker (mit Schwergewicht auf denen mit den spektakulären "türkischen" Instrumenten) und eben keine vollständige(n) Musikbande(n), was, abgesehen von den unterschiedlichen Uniformen, eine Identifikation zusätzlich erschwert. Ohne jede Legende wird es da wirklich schwierig.

      Ich entschuldige mich bei allen Forenmitgliedern für mein Versehen und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Ist mir wirklich peinlich.



      Zur Erläuterung der Begriffe "Hautboisten" und "Bandisten" zitiere ich nachfolgend einfach mal aus dem Ausstellungskatalog Uniform und Partitur. Sachzeugen zur Österreichischen Militärmusik, Wien: Heeresgeschichtliches Museum, 1984.

      Hautboisten:

      "Zur Vermeidung des rohen Klanges der Schalmeien kamen an ihrer Stelle gegen Ende des 17. Jahrhunderts die weicher klingenden französischen Oboen ("Hautbois") in Gebrauch. Allmählich bürgerte sich für jene Musiker, die lange Zeit hindurch nicht etatsmässig vorgesehen, sondern "Privatangestellte" der Regimentsinhaber waren, die Bezeichnung "Hautboisten" ein, ob sie nun wirklich die Oboe oder ein anderes Instrument spielten..."(S.22)

      "Die schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bei den Regimentern bestehenden, aus "Hautboisten"...gebildeten Musikkörper wurden (im Gegensatz zu den [Kompanie-] Spielleuten) als "Hautboisten-Banden" bezeichnet..."(S.21)

      "Mit Zirkularverordnung vom 4. Oktober 1766 wurde den Infanterieregimentern gestattet, ihre Hautboisten-Banden aus acht Kompanie-Spielleuten (Querpfeifern) zu bilden, womit die Hautboisten zu einer etatsmässigen Einrichtung wurden. Im Spielleuthe-Normale" von 1777 wurde den Regimentsinhabern bezüglich der Hautboisten-Bekleidung die "Auszierung der ordinari Spielleuthe-Monturen" wohl freigestellt, doch bekamen sie für diese Ausschmückung vom Ärar kein Geld, was ihren diesbezüglichen Ehrgeiz allerdings nicht hemmte...Der adjustierungsmässigen Willkür der Regimentsinhaber machte eine Verordnung des Hofkriegsrates von 1822 ein Ende."(S.23f.)

      "...In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bürgerte sich im k.k. Heer die Gewohnheit ein, nicht allein Schlaginstrumente, sondern auch alles andere, was – ausseretatsmässig – als musikalische Verstärkung zu den etatsmässigen Hautboisten hinzutrat, als türkische Musik...zu bezeichnen.
      Die Hautboisten, die damals zu militärischen Anlässen noch allein, ohne "türkische Musik" ausrückten, nannte man für sich allein "Feldmusik" oder "Harmonie". Hautboisten und türkische Musik bildeten zusammen die Musikbande, für die allerdings auch die "interessantere" Bezeichnung "türkische Musik" vorkam. Hinter der immer mehr zu einer Einheit verschmelzenden "Musikbande" pflegten die Kompanie-Spielleute zu marschieren."
      (S.21f.)


      Bandisten:

      "Da die neben den normierten acht Hautboisten in der Banda mitwirkenden "Individuen" unter e i n e r Bezeichnung bei ihren Kompanien imStande geführt werden mussten, kam um 1806 für sie die Bezeichnung "Bandisten" in Gebrauch. Die unter dieser Bezeichnung ausseretatsmässig hinzugekommene Verstärkung wuchs, dem Ehrgeiz der Regimentsinhaber und mancher Offiziere entsprechend, immer stärker an und übertraf den vorgeschriebenen Hautboisten-Stand. Die Truppenoffiziere waren daran sichtlich weniger interessiert, weil von ihrer Gage Abzüge für die Regimentsmusik einbehalten wurden."(S.22)
      Zuletzt geändert von Tellensohn; 05.10.2012, 08:02.

      Kommentar

      • Gunter
        Erfahrener Benutzer
        Chef de Bataillon
        • 01.10.2006
        • 1377

        #4
        Wieder was gelernt. Man hat es bei den Österreichen also mit einer gemischten Musikertruppe zu tun, weder nur private noch etatmäßige.

        Grüße

        Gunter

        Kommentar

        • Nikolaj
          Erfahrener Benutzer
          Sergent
          • 27.12.2009
          • 122

          #5
          Servus allseits,

          Aus Wredes "Geschichte der k.u.k. Wehrmacht, Bd. I, 1898 einige Hinweise:

          Tatsächlich waren die Hautboisten Privatangestellte der Regimentsinhaber, im Jahr 1806 gab es 8 davon, die "vom Regiment" zu erhalten waren. Das betraf in erster Linie den Regimentsinhaber, es sind aber auch Gagenabzüge bzw. Spenden der Offiziere zugunsten der Erhaltung der Regimentsbanda belegbar.

          Bis 1822 durften die Hautboisten "nach Belieben des Regiments - Inhabers" adjustiert sein. Ab diesem Zeitpunkt in Regimentsuniform. Dabei kam es durchaus vor, dass z.B. die Livree- oder Wappenfarbenfarbe des Inhabers sich in der Montur der Hautboisten wiederfand. (Ein Hinweis, um weiter zu suchen ?) Der Inhaber der 9er zu der Zeit war FM Fürst Adam Czartoryski-Sangusco.

          Zur auffallenden Schlichtheit der Hautboisten in der Abbildung eine Vermutung: die Einführung zweier Uniformgarnituren für die Banden ("gewöhnliche" und "en Parade") erfolgte ebenfalls erst 1822, könnte aber bei den Privaten schon aus Kostengründen bereits vorher gebräuchlich gewesen sein?

          Ciao, Klaus
          Zuletzt geändert von Nikolaj; 06.10.2012, 10:39.

          Kommentar

          • Tellensohn
            Erfahrener Benutzer
            Chef de Bataillon
            • 16.02.2011
            • 1253

            #6
            Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
            ...weder nur private noch etatmäßige.
            Tja, genau hier stellt sich mir die Frage, was man in Österreich unter "ausseretatsmässig" verstand und versteht, wenn es um die Zeit um 1806 geht.

            So wie ich das verstehe in der Regel eben nicht (mehr) "Private" bzw. "Gagisten"/Vertragsmusiker, wie etwa in der französichen Armee, sondern einfach nur ausserordentlich dem aus den Hautboisten bestehenden "etatsmässigen" Musikkorps beigestellte reguläre Truppenangehörige, gewöhnlich Spielleute, die mit der Einteilung ins Musikkorps die Bezeichnung "Bandist" erhielten und also durchaus auch "etatsmässige" Soldaten waren.

            Zitiert nach Brixel et al., op.cit., S.69:

            "Seit dem 10. Februar 1806 war des Kaisers Bruder Erzherzog Karl...Generalissimus und Präsident des Hofkriegsrates (Kriegsminister) mit unbeschränkten Vollmachten. Im Rahmen seiner umfassenden Armeereformen war die markanteste Neuerung auf dem militärmusikalischen Sektor die Auflassung [Abschaffung] der Pfeifer, 'wonach also der Stand der Spielleute aus 2 Tambours pro Compagnie, folglich aus 36 pro Regiment und ausserdem noch mit 8 Hautboisten' zu bestehen hatte. Gleichzeitig wurde aber gestattet, die durch Ausfall der Pfeifer entbehrlich gewordenen Musiker [recte: Spielleute?] als sogenannte "Bandisten" zur Aufstockung der Kapellen heranzuziehen, mithin zählten die Musikbanden in der Regel 48 Mann [?]. Von nun an unterschied man zwischen den beiden Gruppen 'Hautboisten' und 'Bandisten'."

            Wie Brixel et al. auf 48 Mann kommen, ist mir nicht klar. Wie auch immer: Klar scheint, dass die "Bandisten" genannten Musiker, gewissermassen Musiker 2. Klasse, zunächst einmal aus den obsolet gewordenen Querpfeifern rekrutiert wurden, die im Prinzip also lediglich innerhalb des Regiments mit einer neuen Funktion betraut wurden.

            Stellt sich mir die Frage, wie viele Querpfeifer es eigentlich pro Kompanie bzw. Regiment gab. Bis jetzt konnte ich darauf noch keine klare Antwort finden (wer es genau weiss, bitte melden). Haythornthwaite sagt im Osprey Band 176, S.6, dass es (vor 1806?) pro Kompanie "three musicians" (gemeint sind Spielleute) gab. Heisst das, 2 Tambouren und 1 Pfeifer pro Kompanie? Oder waren es 2 Tambouren und 2 Pfeifer? Im ersten Fall wären 1806 maximal 18 Querpfeifer zur Verfügung gestanden, die zu "Bandisten" hätten umfunktioniert werden können, im zweiten Fall sogar 36.

            36 Bandisten nebst den 8 Hautboisten sollten gemäss Brixel et al. "Laut Order nach der Reform von 1806 [...] die Musikbanden [...] im Stande führen. De facto aber wurde diese Zahl häufig überschritten."(Ebd.,S.70)

            Nun war es aber offenbar nicht so, dass alle Querpfeifer einfach so zu Bandisten umfunktioniert wurden. Es wurden scheinbar nur die talentiertesten Querpfeifer für diese neue Funktion herangezogen. Allen Regimentern wurde aufgetragen,...

            "...keine Pfeifers-Stelle weiters zu ergänzen, die effective vorhandenen Pfeifer aber ordentlich zu classifizieren und die Ausweise darüber ehestens einzureichen, wieviele derselben gleich dermalen zum Feuergewehrstand übernommen, oder zum Ersatz der abgängigen Tambours verwendet, oder zu Fourierschützen übersetzt, oder zu Professionisten und Fabrikanten in die Lehre gegeben (!) oder zur Feldarbeit oder in das Regiments-Erziehungshaus untergebracht werden können." (Brixel et al., ebd., S.69).

            Wenn 1806 pro Regiment maximal 36 Querpfeifer zur Verfügung gestanden hätten und alle zu Bandisten umfunktioniert worden wären, wäre klar, woher die laut Brixel et al. vorgesehenen 36 Bandisten pro Regiment kamen. Wenn es aber nur 18 Querpfeifer pro Regiment gegeben hat, bzw. nicht alle Querpfeifer automatisch zu Bandisten wurden, woher kamen dann die anderen 18 oder mehr Bandisten? Hinweise darauf, dass sie privat angestellt worden wären, habe ich bisher keine gefunden. Ist es möglich, dass man sich u.a. damit beholfen hat, wenn möglich, unter den verbleibenden Kompanietambouren (36 an der Zahl oder mehr, je nach Zahl der Bataillone pro Regiment?) geeignete auszusuchen, die dann unter der Bezeichnung "Bandisten" der Musikbande zugeteilt wurden? Dies ist scheinbar die Regelung, die 1822 getroffen wurde. Ich zitiere aus dem Ausstellungskatalog von 1984:

            "Mit Verordnung von 1822 wurde der Stand der Musikbanden bei den deutschen und ungarischen Infanterieregimentern auf 34 Mann festgesetzt. Die Zahl der Hautboisten wurde mit 10 Mann limitiert. Von den bei jeder der 18 Kompanien geführten 2 Tambours konnte jeweils einer bei der Musik verwendet werden. Ausserdem erhielten 6 Kompanien einen dritten Tambour, der gleichfalls für die Verwendung bei der Musik bestimmt war, sodass die Banda nun vorschriftsmässig aus 10 Hautboisten und 24 Tambours (d.h. auf den Tambourstand der Kompanien zählenden Musikern, sogenannten 'Bandisten') bestand." (op.cit., S.27)


            Da offenbar nur die begabteren Querpfeifer Bandisten werden konnten, ist anzunehmen, dass aus den Reihen der Bandisten wiederum neue Hautboisten rekrutiert wurden?



            Betreffend die Uniformen der Regimentsmusiker ist folgendes interessant:

            "Eine ergänzende Verordnung [von 1806] besagt, dass die Hautboisten in der Uniformierung und der Verpflegung den Bandisten anzugleichen seien, was jedoch - besonders puncto Uniform - nicht allzu buchstabengetreu befolgt wurde."(Brixel et al., op.cit. S.69)

            Es scheint also doch so gewesen zu sein, dass die Hautboisten bis 1806 nicht zwingend dieselbe Uniform trugen wie die Bandisten, welche als Querpfeifer ja im Prinzip die Uniform der Spielleute getragen haben müssen, sondern eigene Uniformen, ganz nach dem Gusto und der Finanzkraft des Regimentsinhabers (vgl. Verordnung von 1777). Und es scheint auch nach 1806 oftmals nicht anders gewesen zu sein, Vorschriften hin oder her.

            Eben deshalb besteht m. E. vielleicht doch die Möglichkeit, dass die von Boillot im grünen Rock dargestellten Musiker Hautboisten desselben Regiments repräsentieren, zu denen auch die weissgekleideten Musiker gehören, also des 9. Regiments. Ob man deshalb in letzteren Bandisten des Regiments sehen soll, wage ich nicht zu entscheiden, weil mir deren Uniform für Musiker 2. Klasse schon etwas zu prächtig ausgefallen zu sein scheint. Sie ist ja fast schon derjenigen der Hautboisten, wie sie bei Trentsensky/Hoechle 1823 dargestellt werden, vergleichbar; die Bandisten tragen dort eine einfache Uniform, die sich kaum, wenn überhaupt, von der der Spielleute unterscheidet (s. unten angehängte Bilder 1-4). Daher meine Mutmassung, dass, falls die grünuniformierten Musiker bei Boillot tatsächlich Hautboisten des 9. Regiments darstellen sollten, deren Uniform eine "kleine" Uniform ist (darauf könnten evtl. auch die Zweispitze hindeuten?), vielleicht eine Uniform, die bis 1806 als spezielle Hautboisten-Uniform getragen und danach nur noch als Zweituniform verwendet wurde?

            Wenn die beiden Hautboisten aber tatsächlich einer anderen Einheit angehören, dann vielleicht einer Musikbande der Artillerie, deren Regimentsmusiken als die vielleicht besten im ganzen K.K. Heer angesehen wurden. Von der Farbgebung her scheint mir die Uniform bei Boillot, oberflächlich betrachtet, derjenigen der Musiker des 3. Artillerieregiments im Jahr 1823 nicht unähnlich (s. Anhang 5).
            Zuletzt geändert von Tellensohn; 06.10.2012, 12:18.

            Kommentar

            • Tellensohn
              Erfahrener Benutzer
              Chef de Bataillon
              • 16.02.2011
              • 1253

              #7
              Zitat von Nikolaj Beitrag anzeigen
              Tatsächlich waren die Hautboisten Privatangestellte der Regimentsinhaber, im Jahr 1806 gab es 8 davon, die "vom Regiment" zu erhalten waren.
              So wie ich das verstehe, waren die Hautboisten seit 1766 eben keine "Privatangestellten" mehr, sondern wurden zu einer "etatsmässigen" Einrichtung (s.oben), denen reglementarische Bekleidung ("ordinari Spielleuthe-Monturen") zustand. Wenn aber die Regimentsinhaber ihre Hautboisten selber einkleiden wollten (prächtiger), so durften sie das (fixiert in der Verordnung von 1777, s. oben), sofern sie es selber bezahlten.

              Zitat von Nikolaj Beitrag anzeigen
              Bis 1822 durften die Hautboisten "nach Belieben des Regiments - Inhabers" adjustiert sein. Ab diesem Zeitpunkt in Regimentsuniform. Dabei kam es durchaus vor, dass z.B. die Livree- oder Wappenfarbenfarbe des Inhabers sich in der Montur der Hautboisten wiederfand. (Ein Hinweis, um weiter zu suchen ?) Der Inhaber der 9er zu der Zeit war FM Fürst Adam Czartoryski-Sangusco.

              Zur auffallenden Schlichtheit der Hautboisten in der Abbildung eine Vermutung: die Einführung zweier Uniformgarnituren für die Banden ("gewöhnliche" und "en Parade") erfolgte ebenfalls erst 1822, könnte aber bei den Privaten schon aus Kostengründen bereits vorher gebräuchlich gewesen sein?
              Das sehe ich im Prinzip auch so (s.oben, meine Bemerkungen zur Uniform in meinem vorherigen Beitrag). Einzig mit der Bezeichnung "Private" habe ich wie gesagt Mühe. Auch wenn der Regimentsinhaber seine Hautboisten weiterhin privat anwarb, so wurden sie doch laut Verordnung von 1766 bei Aufnahme ins Regiment reguläre, "etatsmässige" Mitglieder desselben, denen von Staates wegen auch eine Spielleute-Uniform zustand. Oder sehe ich da etwas grundlegend falsch?
              Zuletzt geändert von Tellensohn; 06.10.2012, 12:20.

              Kommentar

              • Gunter
                Erfahrener Benutzer
                Chef de Bataillon
                • 01.10.2006
                • 1377

                #8
                Ich verstehe das Zitat von Brixel, S. 69 so, dass die Pfeifer grundsätzlich eingespart werden sollten und zum Teil sogar die Armee verlassen mussten. Eine Weiterverwendung scheint hier nur als normale Soldaten oder Trommler vorgesehen gewesen zu sein. Wenn sie dann trotzdem weiterhin als Musiker angestellt waren, dann außerhalb des Etats. Es kommt eben darauf an den Status der verschiedenen möglichen Musikergruppen nicht zu vermengen, schon garnicht den zu verschiedenen Zeitpunkten. Es gibt ja ohnehin nur 3 Möglichkeiten:
                -etatmäßige Musiker
                -Hilfsmusiker aus den Spielleuten
                -privat angestellte Musiker
                Man müsste prüfen, wie die Bandisten bezahlt wurden, denn die Gestattung der Weiterverwendung der Pfeifer sagt darüber erstmal nichts aus. Marketender etc. wurde der Aufenthalt bei den Truppen auch gestattet, ohne das sie angestellt waren. Genauso wurde ihre Zahl festgelegt. Der Zustand von 1822 erscheint mir hier wenig von Belang, weil da andere Verhältnisse vorliegen, denn dort geht es schließlich eindeutig nur um etatmäßige und Hilfsmusiker.

                Grüße

                Gunter
                Zuletzt geändert von Gunter; 06.10.2012, 12:20.

                Kommentar

                • Tellensohn
                  Erfahrener Benutzer
                  Chef de Bataillon
                  • 16.02.2011
                  • 1253

                  #9
                  Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
                  ...Wenn sie dann trotzdem weiterhin als Musiker angestellt waren, dann außerhalb des Etats...
                  Dafür hätte ich gerne handfeste Belege (die österreichischen Historiker sind gefordert, hier mal Konkreteres auf den Tisch zu legen).

                  Mir scheint es doch wesentlich wahrscheinlicher, dass die eingesparten Pfeifer, die als Trommler weiterverwendet wurden und damit etatmässige Mitglieder der Kompanien blieben, schon ab 1806 wieder als "Hilfsmusiker der Spielleute" und unter der Bezeichnung "Bandisten" in die Musikbande zurückversetzt werden konnten, auch wenn diese Praxis erst 1822 offiziell abgesegnet wurde.

                  Noch etwas zu der von Brixel et al. genannten Stärke der Musikbanden von 8 Hautboisten plus 36 Bandisten = 44 Mann (oder sogar "48"!?). Es fällt mir schwer zu glauben, dass in Kriegszeiten derart grosse Musikkorps für jedes Regiment unterhalten werden konnten. Da scheinen mir Fahrbachs 19 Musiker pro Regiment schon wesentlich realistischer zu sein.
                  Zuletzt geändert von Tellensohn; 06.10.2012, 13:19.

                  Kommentar

                  • Nikolaj
                    Erfahrener Benutzer
                    Sergent
                    • 27.12.2009
                    • 122

                    #10
                    Servus allseits,

                    @Tellensohn:

                    ja, der Begriff "privat" bereitet allerdings einige Mühe, wird er doch - und ich beziehe mich hier neben Wrede auf das Dienstregelement I. Teil von 1807, nicht den heitigen Masstäben entsprechend angewendet. Grundsätzlich konnten "Pritvate", d.h. z.B. die expressis verbis und im Gegensatz zu soldatischen "Fourierschützen" aufscheinenden "Privat-Diener" der Offiziere die, der Mannschaft zustehenden Gebühren (Mund-, Pferdeportionen, Bekleidung, ja sogar das "Dienst-Gratiale", also die Abfertigung erhalten). Auch die Soldatenfrauen und -kinder erhielten im Kriegsfall Gebühren.

                    Von den Hautboisten sind lt. Reglement 1807 lediglich 8 (später 10) "systemisiert", erhalten also Gebühren. Diese waren "echte" d.h. vereidigte Soldaten, mussten ausrücklich "aus dem Feuergewehrstand" kommen. Was darüber lag, musste lt. Wrede "privat" (d.h. vom Regimentsinhaber oder aus einem Fonds des Regiments) bezahlt werden. Wrede spricht hier von Privatverträgen der Musiker mit dem Inhaber. Letzteres gilt auch für Regimentskapellmeister, die erst ab 1851 systemisiert wurden.

                    Vermutungsweise würde ich die "Bandisten" von 1806 (die ja "assentierte", also vereidigte Soldaten waren) nicht dem "Privatbereich" zuweisen. Im Dekret steht nichts von Entlassung, sie gehörten offensichtlich weiterhin dem Soldatenstand an. Ein Charakter als "Supernumeräre" Mitglieder der Regimentsbanda bietet sich an.

                    Ciao, Klaus

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                    • Tellensohn
                      Erfahrener Benutzer
                      Chef de Bataillon
                      • 16.02.2011
                      • 1253

                      #11
                      @Nikolaj

                      Vielen Dank für die aufschlussreichen Erläuterungen. Dann habe ich also was die "etatmässigen" 8/10 Hautboisten und die Bandisten anbelangt, alles in allem doch richtig gelegen. Beruhigend. Und für zusätzliche Vertragsmusiker (wenn ich richtig verstanden habe, professionelle, von ihrem Können her auf dem Niveau der Hautboisten stehende Musiker - stimmt das so?) habe ich jetzt von Dir auch mal einen ersten brauchbaren Hinweis bekommen. Nochmals besten Dank.

                      Gruss, T.
                      Zuletzt geändert von Tellensohn; 06.10.2012, 14:39.

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                      • Gunter
                        Erfahrener Benutzer
                        Chef de Bataillon
                        • 01.10.2006
                        • 1377

                        #12
                        Ich habe mir das nochmal durchgelesen, eine "private" Unterhaltung der Bandisten schließt sich aus. Vielleicht sollte man mit der Bezeichnung "außeretatmäßig" etwas vorsichtig sein, wenn die Leute anderweitig als Soldaten auf dem Etat erschienen, nicht aber als Musiker. Wirklich privat engagierte Leute würde ich unter Extravaganzen sehen. Das war wohl auch eine Frage der Qualität. Ansonsten kam man ja recht billig zu einer großen Zahl an Musikern.

                        Gleich noch eine Frage, die für den Verbleib der Pfeifer bedeutsam sein könnte. Wie alt waren die eigentlich? Das Zitat zeigt doch ganz klar, dass man versucht hat, die Leute soweit möglich im Dienst zu behalten, aber der Hinweis auf den Übergang in eine Lehre oder ins Erziehungshaus lässt darauf schließen, dass es sich nicht um Erwachsene handelte, denn denen hätte man vorerst zumindest eine Muskete in die Hand drücken können. Als Hilfsmusiker waren sie ohnehin weiterhin gut geeignet.

                        Durch das Aufgeben der Pfeifer, von denen es nach eurer Schilderung bei den Österreichern vergleichsweise viele gab, wurde letztlich nur die Zahl der Planstellen für die Spielleute reduziert. Trommler haben als Signalisten schließlich einen größeren Nutzen und konnten zusätzlich als Hilfsmusiker dienen. Ehrlich gesagt finde ich trotz allem ca. 20 Mann Musikkapelle für eine Regiment im Felde immer noch ziemlich viel.

                        Grüße

                        Gunter

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                        • Tellensohn
                          Erfahrener Benutzer
                          Chef de Bataillon
                          • 16.02.2011
                          • 1253

                          #13
                          Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
                          Vielleicht sollte man mit der Bezeichnung "außeretatmäßig" etwas vorsichtig sein, wenn die Leute anderweitig als Soldaten auf dem Etat erschienen, nicht aber als Musiker.
                          Seh ich auch so. Ich würde sagen, ein nicht ganz stimmiger Begriff, den die Ausstellungsmacher von 1984 (Katalog, S.22) da verwendet haben.

                          Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
                          Gleich noch eine Frage, die für den Verbleib der Pfeifer bedeutsam sein könnte. Wie alt waren die eigentlich? Das Zitat zeigt doch ganz klar, dass man versucht hat, die Leute soweit möglich im Dienst zu behalten, aber der Hinweis auf den Übergang in eine Lehre oder ins Erziehungshaus lässt darauf schließen, dass es sich nicht um Erwachsene handelte,...
                          Keine Ahnung, wie alt die waren. Nach heutigen Vorstellungen geht man schon primär als Jugendlicher in eine Lehre. Aber damals? Zumindest junge Erwachsene kann ich mir schon noch als Lehrlinge vorstellen. Und selbst heute gibt es ja Leute, die noch in fortgeschrittenem Alter eine Lehre absolvieren, aus welchen Gründen auch immer (Interesse?, Umschulung?, Knast?). Zum Schnurrbart hat's den Querpfeifern von damals jedenfalls allemal gereicht. (das angegebene Datum ist sicher falsch; richtig wäre wohl 1798-1806):

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                          • Gunter
                            Erfahrener Benutzer
                            Chef de Bataillon
                            • 01.10.2006
                            • 1377

                            #14
                            Zitat von Tellensohn Beitrag anzeigen
                            Zum Schnurrbart hat's den Querpfeifern von damals jedenfalls allemal gereicht.
                            Ach was, der Bart ist doch nur aufgemalt... bei beiden!

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                            • Tellensohn
                              Erfahrener Benutzer
                              Chef de Bataillon
                              • 16.02.2011
                              • 1253

                              #15
                              Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
                              Ach was, der Bart ist doch nur aufgemalt... bei beiden!

                              Wer wollte das leugnen? Mit Tusche rost:

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