Belagerung von Mainz 1814

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  • Karl-Heinz Kieckers
    Erfahrener Benutzer
    Sergent-Major
    • 22.07.2019
    • 205

    Belagerung von Mainz 1814

    Glücksfund - Ein Brief eines bergischen Infanteristen
    Johann Wilhelm Jansen aus Feldhausen (Langenfeld/Rheinland) berichtet aus dem Lager bei Hochheim vom Feldzug gegen die von den Franzosen verteidigte Festung Mainz am 8. März 1814,
    anbei die Übertragung der Handschrift und die Quellenangaben.
    Johann Wilhelm Jansen 1814 vor Mainz.pdf




  • admin
    Administrator
    Colonel
    • 30.09.2006
    • 2696

    #2
    Danke Dir für die Bereitstellung und vor allem Transkription ... interessant die negative Betrachtung der Kosaken, obwohl 1814 verbündet.

    Schöne Grüße
    Markus Stein
    "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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    • Sans-Souci
      Erfahrener Benutzer
      Major
      • 01.10.2006
      • 1873

      #3
      Die am Ende erwähnte Ziehung könnte vielleicht eher die Ziehung einer Lotterie sein ? Die bergischen Truppenaushebungen waren ja schon beendet.

      Kommentar

      • Karl-Heinz Kieckers
        Erfahrener Benutzer
        Sergent-Major
        • 22.07.2019
        • 205

        #4
        „Ziehung“ in Verbindung mit einer Lotterie zu setzen ist durchaus plausibel. Es könnte aber auch die Ziehung im Zuge einer erneute Truppenaushebung gemeint sein, da die Berger 1814 in preußischen Diensten in Scharen Fahnenflucht begingen und die Truppen wieder auf Sollstärke gebracht werden mussten. Zwar bewährten sie sich in den Kämpfen und waren teils sogar übermotiviert“ (Sturm auf Köln 1814, Gilly und Ligny 1815) aber so richtig wohl fühlten sie sich unter preußischem Befehl nicht.
        „Kosaken“ – Hier mag es sein, dass Jansen die Schuld für die Zerstörungen in Hochheim bei den Falschen sucht. Es ist festzustellen, dass Hochheim im Rahmen französischen Rückzuges und dem Gefecht am Hochheimer Kippel (9.November 1813) bereits stark gelitten hatte.
        Die Berger hatten anfänglich eine sehr hohe Meinung von den Russen, welche sie als die eigentlichen Befreier von französischen Joch feierten. So wurden die ersten drei in Elberfeld eintreffenden Kosaken feierlich im Rathaus empfangen und wussten vermutlich gar nicht, wie ihnen geschah. Das Hurra verstummte aber rasch, da gerade die Kosaken sich rücksichtlos aus dem Land ernährten. Beispielsweise schildert Winand Heuser aus Wollersheim (Eifel) die Schrecken, welche die Kosaken Mitte Januar 1814 verbreiteten sehr drastisch (siehe Anlage).

        Auszug Heuser

        Auszug Heuser.jpg

        Empfang der Kosaken vor dem Elberfelder Rathaus von Schulten, (alle Rechte Bergischer Geschichtsverein, Gesamtverband Wuppertal)
        Kosaken in Elberfeld.jpg




        Zuletzt geändert von Karl-Heinz Kieckers; 03.05.2021, 07:31.

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        • Tom
          Erfahrener Benutzer
          Chef de Bataillon
          • 03.10.2006
          • 1076

          #5
          Danke für den interessanten Brief! Wer sich für die Blockade, nicht (förmliche) Belagerung, von Mainz 1813/14 interessiert, findet einen Überblick im Buch von Martin Klöffler und mir zum Festungskrieg 1813/14, S. 540-559 (siehe http://forum.napoleon-online.de/foru...skrieg-1813-14 ).

          Zur Division der bergischen Truppen unter dem preuß. GL v. Hünerbein zählten:

          1. Brigade Obrist v. Carnall
          Bergisches freiw. Jäger-Batl.
          Bergisches Gren.-Batl.
          3 Batl./1. Bergisches Infanterie-Regiment
          3 Batl./2. Bergisches Infanterie-Regiment
          Bergisches Landwehr-Kavallerie-Regiment
          6-Pfd. Fußbatt.
          ½ Reitende Batt.

          2. Brigade Obrist v. Borstell (4 Batl.)
          Bergisches und Münstersches Landwehr-Infanterie-Regiment
          4 Batl. / 4. Westphälisches Landwehr-Infanterie-Regiment

          Gruß, Tom

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          • Karl-Heinz Kieckers
            Erfahrener Benutzer
            Sergent-Major
            • 22.07.2019
            • 205

            #6
            Danke für den Hinweis Tom, aber nach einer Blockade sieht mir das nicht mehr aus, wenn bereits Leitern für einen Sturm requiriert wurden. Im Ende gab es keinen Sturm, weil Mainz derartig durch die dortige Typhusepidemie geschwächt war, dass die gesamte Verteidigung zusammenbrach. Ich empfehle sehr den Besuch des Garnisonsmuseums in der Zitadelle von Mainz https://www.festung-mainz.de/festung...onsmuseum.html , wo das Ereignis vielfach dokumentiert ist.
            Epedemie im belagerten Mainz 1814.jpg

            Kommentar

            • Tom
              Erfahrener Benutzer
              Chef de Bataillon
              • 03.10.2006
              • 1076

              #7
              Der Hinweis auf die Typhusepidemie ist richtig, diese hat aber nicht zum Zusammenbruch der Verteidigung - wie beispielsweise in Torgau - geführt. Das Requirieren einiger Leitern besagt noch nicht viel über die Art des Angriffs. Zu einer förmlichen Belagerung gehören ausgebildete Ingenieure (Genieoffiziere) und Pioniere (Sappeure), das Vortreiben von Angriffsgräben, der Einsatz von schwerer Belagerungsartillerie, die gewaltsame Zerstörung von Bastionen und Wällen bzw. ein Bombardement der Festung. Alles dies hat es in Mainz 1813/14 (im Gegensatz zu den Belagerungen von 1792/93) nicht gegeben. Die Franzosen hielten sich bis zum Mai 1814, also lange nach dem Waffenstillstand von Paris; die Garnison marschierte frei nach Frankreich ab.
              Gruß, Tom

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              • Aide de Camp
                Erfahrener Benutzer
                Sergent
                • 14.12.2020
                • 167

                #8
                In Torgau und Mainz müssen während der Typhus-Epidemie apokalyptische Zustände geherrscht haben. In Torgau hat unmittelbar nach der Einnahme der Festung der preußische Oberstabsarzt Dr. Georg August Richter (1778 - 1832), der als Direktor der dortigen Lazarette 1814 fungierte, eine aufschlussreiche Studie über Verlauf und Auswirkungen der Krankheit mit dem Titel "Medizinische Geschichte der Belagerung und Einnahme der Festung Torgau, und Beschreibung der Epidemie, welche daselbst in den Jahren 1813 und 1814 herrschte" veröffentlicht.
                Richter, Georg August: Medizinische Geschichte der Belagerung und Einnahme der Festung Torgau, und Beschreibung der Epidemie, welche daselbst in den Jahren 1813 und 1814 herrschte, Berlin 1814


                Die Umstände, die in Torgau vorherrschend waren, dürften in Mainz etwa die gleichen gewesen sein. Zur gleichen Zeit wie Richter war auch ein französischer Stabsarzt in Torgau tätig, der nach der Übergabe der Festung freiwillig in Torgau verblieb, um sich weiterhin um Kranke und Verwundete zu kümmern und seine Beobachtungen schriftlich niederzulegen. Jacques Gilles de la Tourette war erst 21 Jahre alt, als er seine Aufzeichnungen in Torgau machte. Sie sind später in "Mémoires de l'adacémie royale de médecine" veröffentlicht worden, in denen sich auch eine Abhandlung über "Typhus de la Mayence" befindet... https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bp...gau?rk=21459;2

                Von dem jungen französischen Stabsarzt hat sich ein Foto aus späteren Jahren erhalten. Er starb 1879.

                GILLES%20DE%20LA%20TOURETTE%20Jacques.jpg

                Er ist der Großvater von Georges Gilles de la Tourette, nach dem die berühmte Tic-Störung, das Tourette-Syndrom, benannt wurde...aber ich weiche ab...

                Gibt es Aufzeichnungen darüber, inwieweit sich die Belagerungstruppen vor Mainz oder Torgau an der Krankheit angesteckt haben?

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                • Blesson
                  Erfahrener Benutzer
                  Adjudant
                  • 03.10.2006
                  • 778

                  #9
                  Zitat von Karl-Heinz Kieckers Beitrag anzeigen
                  Danke für den Hinweis Tom, aber nach einer Blockade sieht mir das nicht mehr aus, wenn bereits Leitern für einen Sturm requiriert wurden. [/ATTACH]
                  Im Fall von Mainz wäre nachzuprüfen, in welcher Absicht die Leitern requiriert wurden und wie lang sie waren. Die Futtermauern der Eskarpe der Mainzer Hauptumwallung dürften eine Höhe von 8-10 m gehabt haben; eine schräg angelegte Leiter, die bis zum Tablett reichte, müsste mindestens 10-12 m lang sein; so ein Ungetüm muss man erst einmal fertigen und an den Mauerfuß heranbringen. Bei den Außenwerken hatten die Futtermaueren sicher mindestens eine Höhe von 4-6 m. Und an der Kontereskarpe muss man auch erst einmal hinunterkommen, ohne sich das Genick zu brechen... Aus diesem guten Grunde unterblieb für gewöhnlich der gewaltsame Angriff auf eine wohlverteidigte Festung.

                  Wirkliche oder versuchte Erstürmungen ohne vorbereitenden förmlichen Angriff, in dem die Festung durch eine Bresche getürmt wurde, gibt es nur sehr wenige in den napoleionischen Kriegen. Ich nenne zum Beispiel Arnheim, Herzogenbusch, Bergen-op-Zoom. Luxemburg, Shumla und Soissons. Sturm über eine Bresche waren z.B. Wittenberg, San Sebastian, Badajoz, Ciudad Rodrigo, Saragossa etc.Auf der spanischen Halbinsel gibt sicher viele Beispiele, aber nicht im zivilisierten Mitteleuropa.
                  Zuletzt geändert von Blesson; 09.05.2021, 22:25.
                  Do, ut des

                  http://www.ingenieurgeograph.de

                  Kommentar

                  • Karl-Heinz Kieckers
                    Erfahrener Benutzer
                    Sergent-Major
                    • 22.07.2019
                    • 205

                    #10
                    Vielen Dank für die wertvollen Hinweise zur Typhusepidemie in Mainz und Torgau.
                    Es wäre übrigens nicht das erste Mal, dass sich Leitern bei einem Sturmangriff als zu kurz erwiesen. Das gab es schon in der Antike. Andererseits dürfte alleine das Heranschaffen von Leitern bei den Verteidigern schon Unruhe ausgelöst haben. Vielleicht wollte man ja nur drohen?
                    Meine Freunde in Spanien dürften über den letzten Satz von Blesson "Auf der spanischen Halbinsel gibt sicher viele Beispiele, aber nicht im zivilisierten Mitteleuropa." nicht sehr erfreut sein.

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                    • Blesson
                      Erfahrener Benutzer
                      Adjudant
                      • 03.10.2006
                      • 778

                      #11
                      Wie sehr die ERstürmung durch eine Bresche (u.a. auch wegen der Leitern) scheitern kann, zeigt die russischen Belagerung von Rutschuck an der Donau beim Türkenkrieg 1809-1810, wie von Oberst Valentini geschildert (§32, S. 91). Der abgeschlagene Sturm am 3. August kostete die Russen an die 8.000 Tote und Verwundete, denen die Türken am nächsten Tag nur noch die Hälse abschneiden brauchten.
                      Do, ut des

                      http://www.ingenieurgeograph.de

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                      • Sans-Souci
                        Erfahrener Benutzer
                        Major
                        • 01.10.2006
                        • 1873

                        #12
                        Hier eine Beschreibung des Versuchs, die Mauern einer Festung ohne vorher geschossene Bresche zu erstürmen, nur mit Leitern - die sich dann als um Mannslänge zu kurz heraustellten:

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