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Fahnenverbrennung an der Berezina

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  • Fahnenverbrennung an der Berezina

    Hallo Gemeinde,

    mein grosses Dioramenprojekt über Wittenberg neigt sich der Fertigstellung zu, also wird es Zeit ein neues Projekt zu planen. Meine Wahl ist auf den Bau der Brücken über die Beresina gefallen.

    Dazu hoffe ich hier im Forum zu zwei Fragen Informationen zu erhalten.

    1.) Die o.g. Fahnenverbrennung. Ich hatte dies bisher als gegeben angenommen, wurde aber darauf hingewiesen, dass diese Fahnenverbrennung 2 Wochen vor Studenka in Bobr erfolgt sei. Zamoisky erwähnt in seinem Buch 1812 ebenfalls beiläufig, daß keine Fahnenverbrennungen in Studenka stattgefunden haben. Weiß jemand mehr dazu?

    2.) Das Gemälde, welches mich zu diesem Diorama veranlasst hat zeigt eine Stabkirche. Diese ist allerdings unverkennbar im norwegischen Stil gebaut. Es gibt ein Modell (Stabkirche von Gol) in 1;87, welches ziemlich genau dieser Stabkirche entspricht.

    https://www.modellbau-bochum.de/Kric...SABEgKBTPD_BwE

    Das Gemälde wurde irgendwann nach 1870 von einem Niederländer mit Namen Lawrence Alma-Tadema gemalt, der wohl selber nie in Russland war. Wenn man die skandinavisch-russischen Beziehungen, die seit der Wikingerzeit existierten in Betracht zieht. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit. daß die Kirche so dort gestanden haben könnte?
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    Zuletzt geändert von Mr. Pett; 08.06.2021, 09:38.

  • #2
    Hallo,

    die berühmte Fahnenverbrennung fand wahrscheinlich am 23.11.1812 zwischen Tolochin und Bobr statt, also drei - vier Tage vor dem Übergang. Nicht nur die Fahnen wurden verbrannt, sondern die Reste der Grande Armee entledigten sich außerdem aller überflüssigen Fahrzeuge, um verlangsamenden Ballast loszuwerden und Pferde für die noch verbliebene Artillerie freizustellen. Dies fand ca. 40 - 50 km östlich der Beresina statt. Ausschlaggebend für die Verbrennung nicht nur der Fahnen, sondern auch der persönlichen Papiere Napoleons, dürfte die düstere Lageeinschätzung Napoleons gewesen sein, ob der Übergang über die Beresina überhaupt noch bewerkstelligt werden konnte. Am 22.11.1812 hatte Napoleon in Tolochin Kenntnis davon erhalten, dass die 17. Division unter General Dabrowski am 21.11. von den Truppen Admiral Tschitschagovs angegriffen worden war und die Kontrolle über den Brückenkopf bei Borisov verloren hatte. Einzelheiten zur Stimmung finden sich in den Memoiren des holländischen Generals Dedem de Gelder, der Augenzeuge der Vorgänge in Tolochin war.

    Zu dem interessanten Gemälde von L. Alma-Tadema... Da der Künstler Niederländer war, wird er hier wohl den Einsatz der niederländischen Pontonniers unter George Diederich Benthien gewürdigt haben, die am Brückenbau über die Beresina beteiligt waren. Ich nehme an, dass der Künstler sich über das Aussehen der Kirchen vor Ort erkundigt hat. Die Ähnlichkeit zu einer norwegischen Stabskirche ist in der Tat frappierend. Russische Kirchen sahen allerdings nicht viel anders aus. Auf dem Gelände des Mühlenmuseums Gifhorn gibt es einen Nachbau einer russisch-orthodoxe Kirche, die 1757 östlich von Moskau gebaut wurde und der norwegischen Variante stark ähnelt. Ich nehme deshalb an, dass die Darstellung des Künstlers in sich stimmig ist.

    Hier ein Bild der historischen Originalkirche:

    k_original1.jpg

    Und hier der heutige Nachbau in Gifhorn:

    russian-orthodox-church.jpg
    Zuletzt geändert von Aide de Camp; 08.06.2021, 18:18.

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    • #3
      Vielen Dank für die Infos zur Fahnenverbrennung

      Ja, über die Kirche im Gifhorner Mühlenmuseum bin ich auch schon gestolpert. Ich denke ich werde einfach die Drachen an den Firsten weg lassen und die Türme durch Zwiebeltürmchen ersetzen. Dann sollte es passen.

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      • #4
        Geht es jetzt - bzgl. der Kirche - um den Ort der Fahnenverbrennung oder um Studianka (wie in dem Bild von Lawrence Alma-Tadema dargestellt)? Studianka war ein armseliges Dorf - die frz. Sappeure und Pontonniers / Artilleristen hatten ziemliche Mühe, genügend Holz aus den abgerissenen Häusern zu gewinnen, um ausreichend Material für die beiden Brücken zu haben. Der Belag der Brücken musste z.T. mit Stroh improvisiert werden. Insofern scheint mir eine solch große Kirche für Studianka eher unwahrscheinlich...
        Gruß, Tom

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        • #5
          Ich halte eine Kirche dieser Größe vor Ort auch eher für unwahrscheinlich, aber das wird sich nach so langer Zeit wahrscheinlich auch nicht mehr mit Sicherheit herausfinden lassen. Ich hatte die Frage eher dahingehend verstanden, ob Kirchen des im Gemälde abgebildeten Typs für das Russland der damaligen Zeit denkbar sind.

          Ob es wirklich einen so großen Mangel an Baumaterialien, insbesondere geeignetem Holz gab, müsste genauer untersucht werden. Ich halte einige der Berichte für durchaus übertrieben, die meines Erachtens eher den Ruhm der beteiligten Pioniertruppen überhöhen sollen. Unzweifelhaft sind die Leistungen der franz. - niederländischen Pontonniers besonders hervorzuheben, insbesondere weil das Wetter so kalt war. Aber es scheint mir in der Nachbetrachtung viel am Mythos des genialen Feldherrn Napoleon gebastelt worden zu sein, der mit den aufopfernden Truppen hier das Wunder vollbracht hat...

          Tagebucheinträge und Memoiren beteiligter Offiziere zeigen zumindest, dass die Materiallage vor Ort alles andere als verzweifelt war. Das berichtet zumindest der Kommandeur der niederländischen Pontonniers in "Doorloopend verhaal van de dienstverrichtingen der Nederlandsche Pontonniers onder den majoor G.D. Benthien 1797-1825, Medegedeeld door J. Eysten" .

          Demnach wurde mit der Überbrückung der 280 bis 300 Fuß breiten Beresina erst begonnen, nachdem die Generäle Eble und Aubry sich davon überzeugt hatten, dass Baumaterialien für die Brücken in ausreichenden Maß vorhanden waren.

          Für die längeren Pfosten wurden die Bäume des vorhandenen Waldes am Ufer der Beresina gefällt. Was den Belag der Brücken angeht schreibt Benthien:

          "Es war ein großes Glück, dass alle Häuser in diesem Land sowie in anderen Dörfern des Landes mit einer Art Bretter bedeckt sind, die durch Spalten von Kiefernstämmen von 2 bis 3 Meter Länge gewonnen wurden. Die Bewohner dieser Regionen wissen sehr gut, wie man diese Spalten macht. Die tadellosesten dieser Dielen wurden als Unterboden ausgewählt. [...] Als Unterzüge der Abdeckung dienten die Wandbalken der abgerissenen Dorfhäuser. Durch die beidseitige Bestückung waren diese sofort einsetzbar. 5 bis 6 dieser Balken wurden entsprechend ihrer Stärke für jeden Zug verwendet. Die längsten Holzstäbe wurden mittels Brückenklemmen als Abschlussrippen zu den Unterlagen verwendet. Da die Dielen oft zu kurz waren, um die Breite des Belags auf einmal zu belegen, wurden zur Festigkeit zwei, manchmal bis zu drei übereinander gelegt und beim Herausfallen auf die Unterlage genagelt."


          Leider äußert sich Benthien nicht dazu, ob seine Männer auch eine Kirche abgerissen haben...

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          • #6
            Aide de Camp, vielen Dank, interessant! Ich ergänze hier noch aus Gießes Tagebuch ("Kassel - Moskau - Küstrin", S. 215ff, https://archive.org/details/kasselmo.../n243/mode/2up ). Gieße war westphälischer Leutnant und Augenzeuge.
            Gruß, Tom

            "Am 26. [November] um 5 Uhr des Morgens brach man Häuser ab, um Holz zu erlangen, schmiedete Nägel und vollendete die Böcke. (...) Aus Mangel an Kähnen baute man 3 kleine Flöße, deren Holz aber so schwach, daß jedes nur 10 Mann zu tragen vermochte. (...) 300 Schritte mochte der Abstand betragen, den die beiden Brücken voneinander einnahmen. Sie waren an einer Stelle geschlagen, wo die einen schlammigen Grund, aber keinen reißenden Verlauf habende Beresina, 400 Schuh Breite und 2-7 Schuh Tiefe mißt, eine jede hatte 23 Böcke und 24 Brückenglieder. Die Höhe der Böcke betrug 3-9 und die Länge des oberen Balkens eines jeden Brückenbocks 14 Schuh. Das Holz, welches statt der Pontonsbalken zur Bildung der Brückenglieder diente, war 16-17 Schuh lang und enthielt 5-6 Zoll im Durchmesser. Den Boden der für das Fuhrwesen bestimmten Brücke bildeten 15-16 Schuh lange und 3-4 Zoll im Durchmesser enthaltende Knüppel, weil es an starken Brettern oder Bohlen gebrach. (...) Zum Boden der Brücke für Fußvolk und Reiter hatte man schwache und mangelhafte Bretter aus zusammengerissenen Häusern von 7-8 Schuh Länge, 5-6 Zoll Breite und 4-5 Linien Dicke genommen. Dieselben waren in 3 Lagen übereinander, je 2 der Länge nach von beiden Seiten dergestalt aneinander gelegt, daß sie sich in der Mitte kreuzten. Die Böcke hatten bis dahin gut ausgehalten, die Bretter sich aber, weil sie nicht gehörig befestigt werden können, getrennt und waren unter den Hufen der Pferde zerbrochen, so daß Löcher entstanden, die es vonnöten gemacht, den Boden mit Heu und Hanf zu überdecken."
            Zuletzt geändert von Tom; 11.06.2021, 06:20.

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            • #7
              Viele fundierte Informationen, die zum Teil bestätigen, was ich mir schon erarbeitet hatte. Vielen Dank.

              Ich habe mir auch schon gedacht, daß sei aber (egal ob norwegisch oder russisch gebaut) eine grosse Kirche für so ein kleines Dörfchen. Allerdings war meine zweite Frau aus Mazedonien. Sie stammte aus einem kleinen Bergdorf, welches wir mehrmals besucht haben. Im Nebendorf, das nicht viel grösser war, stand eine orthodoxe Kirche von gehöriger Größe, die von mehreren Dorfgemeinschaften zur gemeinsamen Nutzung gebaut worden ist. Aber wie auch immer würde das Teil mit Zwiebeltürmen versehen ein schönes Centerpiece auf dem Diorama abgeben.

              Besitzt zufällig jemand dieses Buch? Journal De Marche Du Grenadier Pils (1804-1814)
              Beinhaltet es auch die Zeichnungen von Pils? Da ich kein französisch spreche, würde mir die Anschaffung nur etwas nutzen, wenn die Bilder enthalten sind

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              • #8
                Das Journal des Grenadiers Pils ist hier zu finden:
                https://books.google.de/books/about/...d=QA0bAAAAYAAJ
                https://archive.org/details/journaldemarche00cistgoog

                Gruß, Tom

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                • #9
                  Eine Frage an die Experten: Welche Fahnen wurden denn verbrannt? Mich interessiert besonders der Verbleib der Fahnen der Bergischen Infanterie, der meines Wissens bislang ungeklärt ist. Jedenfalls befinden sie sich nicht unter den Trophäen in der Kasanschen Kirche in Petersburg.

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                  • #10
                    Ich bin nicht davon überzeugt, dass es 1812 in Russland diese opulenten Kirchen viel gegeben hat. Wenn man sich die existierenden beiden Alben von Adam und Faber du Faur zum Russlandfeldzug ansieht, sahen die Kirchen zu der Zeit meist etwas schlichter aus. Und in der Tat ist von dem Dorf Studianka nicht viel übrig geblieben. Was nicht zum Brückenbau verwendet wurde, endete im Biwakfeuer der Rückzügler. Ein Bild einer solchen schlichten Holzkirche, das Adam gezeichnet hat, hänge ich mal an. Ich bin kein Experte für die Entwicklung der russischen Kirchenbaugeschichte aber auch die bekannte Kirche von Borodino oder die Kirchen auf den Bilder von Smolensk sind dann eher keine Holzkirchen. Die relativ kunstvolle Holzkirche könnte m.e. eher aus dem späteren 19. Jahrhundert stammen (?). Sir Lawrence Alma-Tadema war im übrigen ein bei Zinnfigurensammlern bekannter Historienmaler dessen Schwerpunkt aber auf z.T. sehr opulenten Antikengemälden lag. s. 2 Bild. Historische Treue würde ich hier nicht unbedingt erwarten.
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                    • #11
                      Ob Studianka wirklich eine Kirche besessen hat, wird sich wohl kaum noch feststellen lassen. Ich habe Ende der 80'er Jahre als Schüler die Möglichkeit gehabt, mit dem Bus durch einige Dörfer in der Umgebung Moskaus zu fahren. Der Gegensatz zwischen der Metropole und den nur ein paar Kilometer außerhalb der Großsatdt liegenden Dörfern war atemberaubend. Man hatte den Eindruck, dass die Zeit dort stehen geblieben ist. Viele der Dörfer sahen armselig aus, verfügten noch nicht über befestigte Straßen und die Bauernhäuser erinnerten im Erscheinungsbild stark an das, was die Augenzeugen von 1812 skizziert hatten. Ich erinnere mich, dass in den meisten kleinen Dörfern Kirchen standen. Die größeren Dörfer leisteten sich sogar Kirchengebäude, bei denen zu erahnen war, dass die Ausstattung weit über dem Durchschnittwohlstand der Bevölkerung gelegen haben muss. Ich hatte damals den Eindruck, dass selbst zu Sowjetzeiten, die Kirche in der einfachen Landbevölkerung eine Rolle spielte, die in westeuropäischen Ländern nur schwer nachzuvollziehen ist. Das wird umso mehr auf das beginnende 19. Jh. zutreffen.

                      Wenn man sich insbesondere die Skizzen von Christian Wilhelm von Faber du Faur anschaut, die er auf dem Vormarsch nach Moskau angefertigt hat, kommt man schon zu dem Eindruck, dass es eine Menge von Kirchen in den Dörfern und Kleinstädten Russlands gegeben hat, von denen es auch eine recht große Anzahl gegeben hat, die aufwändig und aus Holz gebaut waren.

                      Ein gutes Beispiel ist seine Skizze vom 29.07.1812 "Vorstadt Beschenkowitschi, auf dem rechten Ufer der Düna". Dort zeichnet er eine große brennende Holzkirche, die zumindest der unseres Künstlers nicht ganz unähnlich ist.

                      Weitere Skizzen recht opulenter Holzkirchen finden sich bei Faber du Faur unter dem Titel "In der Gegend von Kozusczina, den 11. Juli 1812" oder bei "Biwak vor Ula, den 26. Juli 1812", sowie "In der Gegend von Semlowo, den 28. August 1812". Zur letzten Skizze bemerkt der Zeichner: "So erreichten wir am Abend Semlowo, dessen Holzkirche von bizarrer Architektur sich über den vom Feuer der untergehenden Sonne geröteten Staubwolken erhob."

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                      • #12
                        Vorsicht mit der geografischen Bezeichnung Russland... Die Düna entspringt in Russland und fließt Richtung Riga, das geht eine ganze Weile durch das heutige Weißrussland und Lettland. Dasselbe gilt für die Beresina, die damals (wenn ich mich recht erinnere), so etwas wie die Grenze zwischen dem alten Russland und "neu" erworbenen Gebieten bildete. Der Unterschied war für die Franzosen erheblich, da Juden in "Altrussland" nicht siedeln durften, die französische bzw. alliierte Armee aber vielfach von den Diensten jüdischer Führer (Guides), Übersetzer, Händler usw. profitierte. Mit dem Eindringen in Altrussland entfiel daher eine wesentliche Hilfsquelle für die französische Armee.
                        Die Zeichnungen Adams haben wir übrigens in dem Buch über seine Lithografieserie ("Voyage pittoresque...") versucht, auch räumlich zuzuordnen, was manchmal nicht so ganz einfach war (Bd. I, S. 224-225).
                        Gruß, Tom
                        Zuletzt geändert von Tom; 24.06.2021, 18:11.

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