Eugène François Vidocq berichtet in seinen unterhaltsamen Memoiren über eine besondere Form der Poesie, gewissermaßen Vorläufer der heutigen Nigeria-Mails. Er saß im Jahre 1796 im Pariser Gefängnis Bicêtre und schreibt:

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Die Gefängnisinsassen verschafften sich die Adressen von reichen Provinzlern, was ja beim ständigen Zufluß von Arrestanten nicht schwer war, und richteten dann an sie Briefe, die im Gaunerjargon "Briefe aus Jerusalem" genannt wurden. Die Briefe hatten ungefähr folgenden Inhalt:

"Sehr geehrter Herr!
Sie werden gewiß erstaunt sein, diesen Brief von einem Ihnen Unbekannten zu erhalten, der Sie um einen Gefallen bittet; aber in der traurigen Lage, in der ich mich befinde, wäre ich verloren, wenn edelmütige Menschen mir nicht zu Hilfe kämen. Ich wende mich an Sie, denn man hat mir so viel Gutes von Ihnen erzählt, daß ich keinen Augenblick zögere, mich Ihnen anzuvertrauen.

Ich war Kammerdiener beim Marquis X. und emigrierte mit ihm. Um keinen Verdacht zu erwecken, wanderten wir zu Fuß; ich trug das Gepäck, unter dem sich eine Kassette mit sechzehntausend Franken in Gold, und den Diamanten der seligen Frau Marquise befand. Wir hatten beinah die Armee von … erreicht, als Steckbriefe zu unserer Verfolgung erlassen wurden. Als der Herr Marquis merkte, in welcher Gefahr wir waren, hieß er mich die Kassette in einem tiefen Moor verstecken, damit wir nicht erkannt würden, falls man uns anhalten sollte. Ich wollte in der folgenden Nacht zurückkehren, um die Kassette zu holen, aber die Bauern, die sich beim Geläut der Sturmglocke des Abteilungskommandanten zusammenrotteten, überfielen das Gehölz, in dem wir lagen, so daß wir nur an Flucht denken konnten. Als wir im Ausland ankamen, erhielt der Herr Marquis einige Unterstützung vom Prinzen Y., aber diese Quelle versiegte bald, und er beschloß, mich die Kassette holen zu lassen, die im Moor verborgen lag. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß ich sie wiederfinden würde, um so mehr, da ich an dem Tage, nachdem ich sie verborgen hatte, aus dem Gedächtnis einen Plan der Gegend aufzeichnete, für den Fall, daß wir lange nicht wieder hinkommen sollten.

Ich machte mich also auf den Weg, kam in Frankreich an und erreichte ohne Zwischenfälle das Dorf, das sich in der Nähe des betreffenden Waldes findet. Sie kennen sicher dieses Dorf, da es sich dreiviertel Meile von Ihrer Besitzung befindet. Ich rüstete mich schon, meinen Auftrag zu erfüllen. Aber der Gastwirt, bei dem ich logierte, war ein wütender Jakobiner; er hatte meine Verlegenheit bemerkt, als er mich aufforderte, auf das Wohl der Republik zu trinken. Er ließ mich als verdächtigtes Individuum verhaften. Da ich keinen Ausweis besaß, und zudem das Unglück hatte, einer Person zu ähneln, die wegen Postüberfalls gesucht wurde, so schleppte man mich aus einem Gefängnis ins andere, um mich mit meinen angeblichen Komplicen zu konfrontieren.

So bin ich nach Bicêtre gelangt, wo ich seit zwei Monaten in Haft sitze.
In dieser entsetzlichen Lage erinnerte ich mich, daß einmal eine Verwandte meines Herrn, die in Ihrer Gegend ein Gut besaß, Ihren Namen genannt hatte. Ich bitte Sie nun dringend, mir umgehend mitzuteilen, ob Sie mir den Dienst erweisen würden, die Kassette zu heben und mir einen Teil des darin enthaltenen Geldes zu übersenden. Ich könnte dann meinen dringendsten Bedürfnissen abhelfen und meinen Anwalt bezahlen, der mir versichert, daß ich mich mit einer kleinen Summe aus der Affäre ziehen könnte.
In vorzüglicher Hochachtung usw. Unterschrift ……."
Von hundert Briefen dieser Art wurden immer etwa zwanzig beantwortet. Der biedere Provinzmann schrieb, daß er den Schatz gerne heben wolle. Darauf folgte ein neues Schreiben von dem angeblichen Kammerdiener, des Inhalts, daß er in äußerster Not gezwungen gewesen wäre, die Kiste, in deren Doppelboden der betreffende Plan sich befände, bei dem Gefängniswärter für eine geringe Summe zu versetzen. Sofort kam das Geld, man erhielt auf diese Art Summen von zwölf- bis fünfzehnhundert Franken. Manche Personen, die es besonders schlau anfangen wollten, kamen sogar selbst tief aus dem Schoße der Provinz nach Bicêtre und hier wurde ihnen der Plan des Waldes ausgehändigt, der wie die phantastischen Wälder in den Ritterromanen ewig vor ihnen zurückweichen sollte. Selbst Pariser gingen in die Schlinge. Man wird sich noch des Tuchhändlers aus der Rue des Prouvaires erinnern, der dabei ertappt wurde, wie er die Brückenbogen von Pont-Neuf untergrub, weil er da unten die Diamanten der Herzogin von Bouillon zu finden hoffte.
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Eine vollständige Übersetzung der Memoiren Vidocqs findet man hier:

http://de.wikisource.org/wiki/Landstreicherleben

Den französischen Text des Briefes und einige Zusatzinfos hier:

http://www.1789-1815.com/lettres_jerusalem.htm