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Michael Josselson / Barclay

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  • Michael Josselson / Barclay

    Hat jemand die Barclay-Biographie der Josselsons gelesen? Viele bezeichnen sie als das Beste, was über diesen Man geschrieben wurde. Mich würde Eure Meinung zu diesem Buch interessieren

    Gruß in die Runde


    Grex

  • #2
    Weymann

    Josselson habe ich, aber noch nicht gelesen.

    Interessant (habe ich, auch gelesen) und für deutsche Leser einfacher zugänglich ist vielleicht:
    W[eyman]n, F. W. v., Barklay de Tolly und der vaterländische Krieg 1812. Reval: Kluge, 1914, 173 S.

    Gruß, Tom

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    • #3
      Russische Literatur

      Danke. Ich habe gerade auf russisch Andrej Tartakowskijs „Der unenträtselte Barclay“ von 1996 gelesen. E geht der Frage nach, woher die Angriffe auf den Feldherren im Jahre 1812 kamen und weist die vereinfachte Darstellung zurück, daß „Volk und Armee“ ihm aufgrund seines Ausweichens das Vertrauen entzogen hätten. Tartakowski lokalisiert die Urheber der Rufmordkampagne in der Generalität und dem hauptstädtischen russischen Hochadel aus. Barclay wurde verdächtigt, gleich dem zivilen Reformer Michail Speranskij ein Liberaler zu sein, der mit seiner Strategie, die Grande Armée ins Landesinnere zu locken eine Bauernbefreiung durch Napoleon in Rußland billigend in Kauf nahm. Anhänger Barclays, so Tartakowskij, fanden sich insbesondere unter den jungen, gut ausgebildeten und progressiv eingestellten Stabsoffizieren. Diese versuchten, in Denkschriften und Memoiren die Strategie des Feldherren zu rechtfertigen, während die offizielle Historiographie im 19. Jahrhundert den russischen Rückzug und die Kontroverse um Barclay totschwieg. Sein Intimfeind Araktscheijew hat sogar die Barclays an den Zaren in seinem privatem Geheimarchiv versteckt. Lediglich Barclays Leistungen der Feldzüge außerhalb Russlands wurden gewürdigt. In Folge dieser verzerrten Darstellung blieb mit seinem Namen über zwei Jahrhunderte ein negativer Klang verbunden.

      Derzeit lese ich eine Biographie von Sergej Netschajew in der biographischen Reihe SHSL ("Das Leben bedeutender Persönlichkeiten)., die mir auch gut gefällt. Sie bietet auch Informationen über sein Wirken vor 1812, ich bin aber erst bei seinem Amtsantritt als Kriegsminister.

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      • #4
        Da tun sich ja sehr interessante Aspete zu Barclay auf! Sooo schlecht kann er ja nicht gewesen sein, wenn er 1813 wieder nach Kutusow bzw. Wittgenstein das Kommando erhalten hatte ...

        Wie weit geht die von euch genannte Literatur auf das Problem ein, dass er von den Nationalrussen als "Deutscher" abgelehnt wurde?

        liebe Grüße, Charlotte

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        • #5
          Die Haltung der einfachen Soldaten scheint sich ja bereits noch während des Feldzugs gewandelt haben und war eben nicht auf eine negative Einstellung festgelegt.
          Das Problem mit jeglichen Reformen in Russland war, dass sie meist als Bedrohung für die herrschende Elite angesehen wurden und es zum Teil bedingt durch die archaischen Strukturen auch waren. Bei der Konfrontation mit Napoleon, die eben nicht der übliche Kabinettskrieg an der Peripherie war, erwies sich diese Haltung selbst als massive Gefahr für das Bestehen des Reiches. Zeitweise kamen im Laufe des Krieges neue Dinge ins Rollen, auf die danach eine massive reaktionäre Phase folgte, die immer mehr Menschen dem Zarentum entfremdete. In gewisser Weise schaufelte sich das Zarentum das eigene Grab, denn zunächst hatte es Neues gegen die Konservativen erzwingen müssen, um Russland zur Großmacht zu machen, zuletzt hinkte es dann selbst der Zeit hinterher, was zu seinem Untergang führte. Typisch für Russland ist in jeden Fall, dass sämtliche Veränderungen in der Armee, das Schicksal des Staates unmittelbar beeinflussten, während das in anderen Staaten kaum solche Auswirkungen hatte.

          Auffällig sind bei den russischen Persönlichkeiten besonders widerliche Typen - allen voran Großfürst Konstantin und Araktschejev, wobei letzterer sich als Günstling des Zaren extreme Dinge gegenüber erfahrenen Offizieren herausnahm, obwohl er persönlich kein Feldkommandeur war, was man in der damaligen Zeit durchaus als Makel ansehen kann. Sein in der Generalsgallerie ist schon bezeichnend, denn er trägt nur ein Porträtmedaillon des Zaren und einen Ordensstern, während seine Kollegen reichlich mit im Krieg erworbenen Orden behängt sind. Bei den Schilderungen des Verhaltens von Großfürst Konstantin fragt man sich dagegen schon teilweise, ob da nicht eine mentale Störung vorlag.

          Grüße

          Gunter

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          • #6
            Barclay und seine Gegner

            Nach dem, was Tartakowskij schreibt, war die Abneigung gegen Deutsche von den Gegnern Barclays bewußt herbeigeredet. Deutsche als Kommandeure waren damals nichts ungewöhliches und als heißer Konkurrent Barclays für den Posten des Oberkommandierenden (der formal ja gar nicht besetzt war) galt Benningsen. Letzter war an der Rufmordkampagne gegen Barclay auch selbst beteiligt. Das mit dem verräterischen Deutschen war wohl mehr die Version für die schlichten Gemüter. Sie passte insofern auf Barclay, als er wohl dem damaligen Klischee des "langweiligen" Deutschen enstprach: Genau, pedantisch, sparsam, zur Askese neigend, kein Gesellschaftslöwe. Die Offiziere aus dem russischen Hochadel, die mit Geld um sich warfen, soffen und spielten, empfanden ihn sicher als Fremdkörper.

            Araktschejew war zwar grausam, aber selbst (wie das oft so ist) ein erbärmlicher Feigling, der bei seinen seltenen Besuchen im Felde davonlief, als es krachte (so bei Lieven) und dafür im Krieg gegen Schweden gegen Barclay und andere wetterte, weil sie den Marsch über die vereiste Kvarken-Bucht als gefährlich bezeichneten (so bei Netschajew). Barclay hat es dann erfolgreich umgesetzt, Araktschejew zog sich wieder in sein warmes Büro zurück. Aber diese Kreatur war schon zu Lebzeiten überall (außer bei Alexander und Bagration) verhasst und wurde auch später in der Geschichtsschreibung sehr negativ dargestellt.

            Einer der größten Hetzer gegen Barclay war, (so nicht nur Tartakowski), der Deutschenhasser Jermolow, der geschickt dafür sorgte, daß seine abfälligen Urteile über Barclay auch bei der Truppe ankamen.

            Ich würde sagen, daß das negative Klischee über die Deutschen in Rußland durch diese Kampagne gegen Barclay starken Auftrieb erhalten hat. Noch einmal verstärkt wurde es dann unter dem Nationalisten Alexander III und seinen slavophilen Einflüsterern.
            Zuletzt geändert von Grex; 25.10.2012, 19:14. Grund: Ortographie

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            • #7
              Gleich noch eine Frage zum finnischen Krieg. Warum wurde Golizyn-V durch Barclay ersetzt? Ersterer war darüber wohl so sauer, dass er bis 1812 in den Ruhestand trat.

              Grüße

              Gunter

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              • #8
                Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
                Bei den Schilderungen des Verhaltens von Großfürst Konstantin fragt man sich dagegen schon teilweise, ob da nicht eine mentale Störung vorlag.

                Grüße

                Gunter
                Da ist wohl was dran. Es gibt Autoren, die behaupten, dass er nach seinem Vater geraten war. Von Kutusow wurde er ja von vornherein geschickt ausgeschaltet, Barclay musste sich mit ihm von Polozk bis Smolensk plagen.

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                • #9
                  Finnland

                  Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
                  Gleich noch eine Frage zum finnischen Krieg. Warum wurde Golizyn-V durch Barclay ersetzt? Ersterer war darüber wohl so sauer, dass er bis 1812 in den Ruhestand trat.

                  Grüße

                  Gunter

                  In diesem Kriege haben sich die Oberbefahlshaber die Klinke in die Hand gegeben. Zuerst lief ja auch alles sehr gut für Rußland, aber dann fing es an zu Stocken und Finnen und Schweden haben den Russen gezeigt, was Partisanenkrieg ist. (Daraus hat Barclay seine Schlüsse gezogen!)

                  Barclay kam aus einem Urlaub wg. Verwundung bei Preußisch Eylau zurück und machte dann den erfolgreichen Übergang über das Eis. Dafür erntete er viel Anerkennung, der Zar kannte ihn ja schon und war ihm wohlgesinnt. Er wurde dann auch Generalgouverneur des "Großfürstentums Finnland" und schließlich 1810 Kriegsminster.

                  Schönes Wochenende!

                  Grex

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                  • #10
                    "Sein in der Generalsgallerie ist schon bezeichnend, denn er trägt nur ein Porträtmedaillon des Zaren und einen Ordensstern, während seine Kollegen reichlich mit im Krieg erworbenen Orden behängt sind. "

                    Hierzu eine Berichtigung: Normalerweise ist es nur den Söhnen,Töchtern und den nächsten Familienangehörigen gestattet, das Portrait des Herrschers als Medaillon zu tragen.
                    Einem Untertanen zu erlauben, das eigene Portrait zu tragen, ist die höchste Ehre, die ein Herrscher vergeben kann und steht über allen Orden.
                    Siehe z. B. Suworow.
                    Damit wird man als Familienmitglied behandelt. Ob man das verdient, erdienert oder erdiniert hat, spielt dabei keine Rolle

                    Chasseur

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                    • #11
                      Araktschejev sollte das Medallion ursprünglich garnicht bekommen, sondern den Rang eines Generalfeldmarschalls, was natürlich ein Affront gegen eine Reihe anderer Generale gewesen wäre. Er lehnte das klugerweise ab, weil er keinen Feldeinsatz vorzuweisen hatte. Das Medaillon war also "nur" ein Ersatz. Porträts des Zaren wurden auf irgendwelchen Tabaksdoesen recht häufig verteilt.
                      Betrachtet man sich die Praxis der Auszeichnungen für die Kriege 1812-14, so wird schnell deutlich, dass sich der Zar gegenüber tatsächlich hochverdienten Leuten ziemlich schäbig verhielt und stattdessen wie immer die Höflinge bevorzugte. Manche Feldzugsteilnehmer äußerten sich recht deutlich über diese Praxis. Auch das wird wohl dazu beigetragen haben, den Unmut auch in Teilen der militärischen Führung zu schüren, was dann zur Dekabristenrevolte führte.

                      Grüße

                      Gunter

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                      • #12
                        Ich kann da unbedingt die Serie von Mikaberidze - die Memoiren - empfehlen, ich kann ja leider kein russisch, Pavel Pushin beschreibt das ganz deutlich was Gunter oben anführt und zu Arakcheyev, eine Andektode aus der Schlacht bei Leipzig :

                        Just at that moment French batteries closest to us opened fire and one of their grenades exploded just 50 paces from the count. He was surprised by the sound since he had never heard it before in his life: Stopping mid-sentence, he asked me what it was. "A grenade," I replied, ready to resume our suddenly interrupted conversation, but upon hearing the word "grenade" the count's face changed, he quickly turned his horse and swiftly galopped away from such a dangerous place, leaving me in a rather embaressing position.

                        P. 132
                        Zuletzt geändert von HKDW; 28.10.2012, 09:51.

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                        • #13
                          "Das Medaillon war also "nur" ein Ersatz. Porträts des Zaren wurden auf irgendwelchen Tabaksdoesen recht häufig verteilt. "

                          Etwas späte Antwort, aber dennoch:
                          Das ist nicht vergleichbar. Er trägt ein Medaillon mit Portrait, das hat einen ganz anderen Stellenwert, wie ein Souvenir, daß das Portrait zeigt.
                          Das Privileg, das Portrait am Rock zu tragen, wurde sehr selten gewährt, dagegen war der Andreasorden schon häufig. Hier hilft nur ein Studium div. Portraits, wie z.B bei Suvorov.

                          Chasseur

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                          • #14
                            @Chasseur,

                            Kutusov hatte z.B. auch so ein Medaillon. Es spielt überhaupt keine Rolle, welch große Nähe zum Zaren das ausdrückte, denn deutlich blieb dennoch, dass Araktschejev keinerlei Auszeichungen vorzuweisen hatte, die üblicherweise für den Einsatz vor dem Feind verliehen wurden. Besondere Bedeutung hatte dabei vor allem der Georgsorden. Die Zeitgenossen wussten das mit Sicherheit sehr gut zu unterscheiden. Nach dem Ableben seines Gönners war er dann sehr schnell weg vom Fenster.

                            Man sollte die Tabaksdosen mit dem Zarenportät nicht als Souvenirs abwerten, diese und auch vom Zaren verliehene Ringe galten sehr wohl als Auszeichungen, an denen das Zarentum sehr reich war.

                            @HK,
                            schon peinlich sowas für jemand der Inspekteur der russischen Artillerie war und der anderen aktiven Artilleristen die Karriere versaute. Wahrscheinlich schützte ihn nur Väterchen Zar davor, dass ihn nicht jemand im Duell erledigte. Bewerber dürfte es reichlich gegeben haben, genau wie bei Großfürst Konstantin.

                            Grüße

                            Gunter

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                            • #15
                              Siehst du, dann paßt das doch hervorragend zu deiner Charakterisierung und dem Lebensweg des Mannes.
                              Es gibt ein Bonmot über Auszeichnungen:
                              Man kann sie verdienen, erdienern oder erdinieren.
                              Zur ersten Gattung hat er also nicht gehört.
                              Paßt zwar nicht zum Thema, aber zur Tabatiere: Im Auktionshaus Zeige wird eine sehr prunkvolle Tabatiere mit Bild von FW III versteigert. Anschauen lohnt sich.

                              Chasseur
                              Zuletzt geändert von Chasseur; 11.11.2012, 11:20.

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