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Thema: Die Nachfahren Lucien Bonapartes.

  1. #11
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    Und ....

    Francois Blanc------> Großvater von Marie

    Portrait_de_Fran%C3%A7ois_Blanc.jpg


    Marie Hensel (das "Mädchen aus dem Volke", das Francois Blanc heiratete)

    Sie kam aus dem Hugenottendorf Friedrichsdorf, in der Nähe meiner Heimatstadt Bad Homburg:

    S0441.jpg


    Marie Félix----> die jungverstorbene Mutter der Marie Bonaparte als
    Mädchen

    M. Felix.gif

    Das Trauma ihres Todes vermochte Marie niemals zu überwinden.


    Marie's Großmutter Justine-Eléonore Ruflin ("Nina"):

    pes_109219.jpg

    Ebenfalls eine einfache Frau aus dem Volke....


    Man kann nicht wirklich sagen, dass Marie mit ihrem Familienhintergrund kokettierte. Es ist auch auffallend, wie viel Einfachheit in ihrer Ahnentafel steckt. Klar war sie sich ihrer Herkunft und ihres einzigartigen Vermögens bewusst, aber sie war ein Mensch, für den -wie sie selbst es formulierte- "der Adel des Geistes und des Wissens" der wahre Adel war. Auf faszinerende Weise verband sie bürgerliche/Jüdische Wissenschaft =Psychoanalyse/Freud mit ihren Pflichten am Hofe auf der anderen Seite!

    Mehr das nächste Mal
    "Da nichts im Laufe unseres Lebens ausgelöscht wird, ist jeder von uns wie ein Dokument, in dem, zwar gekürzt, die ganze Geschichte und die ganze Frühgeschichte der Menschheit niedergeschrieben ist"

    Marie Bonaparte (1882-1962)

  2. #12
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    Vielen Danke für all die Infos! Den langen Teil muss ich mir erst mal ausdrucken, Verwandtschaftsverhältnisse wirken doch immer arg kompliziert. Aber du hast auch schon gleich eine weitere meiner Fragen kurz beantwortet: Wie bist du an die Nachfahren herangetreten? (Für Bildmaterial und Fragen). Wie reagieren die so? Auch ins Maries Fall stelle ich mir das ein bisschen vor wie in der Geschichte mit dem Igel und dem Hasen: Überall wo man hinkommt, ist der berühmte Vorfahre schon da.
    Colet
    Mehr Fragen folgen bestimmt :-)

  3. #13
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    Hi Colet,

    Schön, dass ich ein wenig das Interesse bei Dir gewecket habe...freue mich sehr darüber. Ich wollte demnächst hier auch sowas wie eine Kurzbiographie von Marie hineinstellen, was natürlich nicht so ganz leicht ist, weil ihr Leben so ausgefüllt war und man vieles ja auch schon woanders lesen kann. Werde es aber auf jeden Fall noch machen!
    Ich denke, das mit dem Namen und dem berühmten Vorfahren bei Marie hielt sich in Grenzen. Teilweise gab es sogar die eine oder andere fast seltsame Bemerkung in bestimmten Kreisen über den Vorfahren Napoleon. Ich erinnere mich daher an die Aussage Maries: "Ja, er war ein monumentaler Mörder..." als Antwort darauf "Aber Mörder haben mich immer fasziniert". In manchen Königshäusern sah man wohl durchaus die "Parvenü-Wurzeln" der Bonapartes und sah sie nicht ganz als ebenbürtig an, allerdings hob sich dieses durch das fast schon unschätzbare Vermögen (die "Mitgift") von ihr wieder auf, und insgesamt war Marie doch eine sehr ehrenhafte Person und wurde auch in der Familie ihres Schwiegervaters hoch geachtet: Gerade in Griechenland war sie als Prinzessin hoch geschätzt, und bei ihrer Hochzeit begegnete man ihr jubelnd, weil eine alte Legende der Duchesse d'Abrantes ja behaupten wollte, dass die Bonapartes griechischen Ursprungs seien (was nicht stimmt, da sie ursprünglich nachweislich aus dem Bereich Florenz und Siena kommen)
    Natürlich gäbe es noch viel mehr zu sagen. Bezüglich der Verwandten, habe ich viele durch Internetrecherchen gefunden. Insgesamt gibt es nicht viele der unendlich zahlreichen Bonaparte Nachfahren (ich kenne so einige in Italien, die ich aber leider noch nie besucht habe), die sich wirklich für die Vorfahren interessieren oder viel darüber wissen, aber sie freuen sich durchaus, wenn jemand anderes solche Recherchen macht, und sie daran teilhaben können. Aber das ist sehr unterschiedlich. Da ich gerade den Stammbaum der Bonapartes mache, habe ich schon nicht wenige angeschrieben und viele haben gerade mit genealogischen Daten sehr geholfen (leider spreche ich aber nur Italienisch, kein Frz.) Manchmal gibt es sogar sehr positive Feedbacks, die meisten leben aber heute genauso wie wir.
    Das Duino Schloss des Prinzen von Torre und Tasso würde ich gerne einmal besuchen. Es war lustig wegen meiner Fragen hatte er damals leider dreimal umsonst bei mir umsonst angerufen, was mir schon fast unangenehm war...daher habe ich auch noch eine Nachricht von ihm auf dem AB.
    Geändert von Britt.25 (11.11.2008 um 16:17 Uhr)
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  4. #14
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    Eugenie von Griechenland, Tochter der Marie Bonaparte:

    Eug..jpg

    1910%20Eugenie-06.jpg


    Peter von Griechenland, Sohn der Marie Bonaparte:

    1908%20Peter-03.jpg


    Mehr kommt noch
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  5. #15
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    Das Schloss des Roland Bonaparte in der Avenue Iéna in Paris, in dem Marie groß wurde und "langweilige Stunden" mit der Großmutter verbrachte:

    Salon:

    Salon.jpg

    Weg zur Empfangshalle:

    WegzuEmpfangshalle.jpg

    Kamin/Feuerstelle

    Feuerstelle.jpg

    KaminII.jpg

    Treppe.jpg

    Man sieht wie pompös und extravagant das ganze aussah und unter welchen doch einzigartigen, mit "reich" wohl kaum auszudrückenden, Umständen Marie großwurde. Man fühlt sich fast in eine viel frühere Zeit zurückversetzt, wenn man diesen Stil sieht.
    Jedoch schien die äußerliche Pracht der Seele Maries kein Glück gebracht zu haben, innerlich fühlte sie sich oft traurig, unverstanden und verlassen.
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  6. #16
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    Interessant ist auch die von kaum ermessbarer Größe gewesene Bibliothek des Wissenschaftlers Roland Bonaparte, der noch kurz vor seinem Tode
    -wie es heißt- tausende von Farnarten nennen und auseinanderhalten konnte!
    Marie hatte Phobien bezüglich dieser Bibliotek. Noch als bereits älteres Kind hatte sie abermals Visionen, dass einer der Skelette, die Roland wohl dort zum Zwecke seiner anthropologischen Forschungen aufgestellt hatte, plötzlich lebendig werden würde...

    BibliothekRoland.jpg

    Bibi.jpg
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  7. #17
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    Wow, in so einem Schloss würde ich mich auch mal gerne langweilen!
    Wenn Maries Kinder also nach Italien geheiratet haben, haben sie ja "back to the roots" geheiratet. Wo fängt dein Bonaparte-Stammbaum an? Bei Napoleon? Dem Vater? Oder einfach sooo weit zurück wie es geht? Ich war vor Jahren mal in Florenz, irgendwo ist mir da mal eine Bemerkung über die Bonapartes begegnet, aber da ich damals für das Thema nur mäßiges Interesse hatte, ist mir das leider entfallen.
    Deine Erklärungen zu den Erbangelegenheiten Maries haben mir jetzt auch erklärt, warum sie mit diesen Schuldgefühlen unterwegs war, im Film kam das nicht ganz so rüber. Da wird sie insgesamt eher als willensstarke, durchsetzungsfähige Person gezeigt, die ihe Entscheidungen nicht vom Wohlwollen anderer abhängig macht. Ich hatte mich daher gewundert, dass sie ein Fall für die Psychoanalyse war, denn es war bei ihr ganz offensichtlich keine Modelaune. Welche wesentlichen Erinnerungen haben denn ihre Enkel an Marie? Irgendwelche Anektoden?
    Und neugierig gemacht hat mich die Bemerkung über Pierre-Napoleon: Wer war dieser Victor Noir? Und warum hat er den umgebracht?
    Wenn dein Artikel über Marie fertig ist, gibt es den doch bestimmt hier? Hat dich der Vortrag in Bad Homburg erst auf sie gebracht?
    Grüße
    Colet

  8. #18
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    Hallo Colet,

    Den Bonaparte Stammbaum versuche ich jeden Tag ein wenig zu allen Seiten hin auszuweiten, auch zu den Habsburgern, den Savoyern, Coburg-Gotha und den anderen hin, die mit den späteren Bonapartes in Verwandtschaft stehen und/oder durch Heirat verbunden waren. Die Bonapartes kann man bis ins Mittelalter zurückverfolgen, zum Beispiel steht in meinem Buch "Die Bonaparte" von Rioux (das ist das erste Buch, das ich las, und mich auf das Thema überhaupt gebracht hat!), dass bereits im 12. Jahrhundert ein bedeutender Gibelline, Guglielmo Bonaparte, zu verzeichnen sei, welcher dem Rat von Florenz beitrat und von den Gegnern, den Guelfen, wieder vertrieben wurde. (Der Name, was auch in dem Buch steht, entstand während italienischer Bürgerkriege und bedeutet "richtige Partei", ein Ehrenname für jene, die einst die Siegerpartei gewählt hatten) Später siedelte dieser Guglielmo nach Sarzana in Ligurien über, während eine andere Linie der Familie nach San Miniato zog. Bis 1520 lassen sich 7 Generationen nachweisen.
    Allerdings ist es hier mit den öffentlichen Angaben, wie z.B. Internet, doch etwas beschwerlich, weil sich manche Angaben einfach nicht decken und von einander zu stark abweichen. Im Moment habe ich daher den Stammbaum einige Generationen vor Napoleon angefangen, möchte ihn aber noch ausweiten, auch nach oben hin.
    Es ist daher gut möglich, dass in Florenz einmal etwas darüber geäußert wurden, dass die Bonapartes ihren Ursprung dort haben. Schade, dass Du nicht mehr weißt um was es genau ging. Irgendwie hat mich das schon immer begeistert, da ich ja schon in der Schule angefangen hatte Italienisch zu lernen, und auch mein Bonaparte Interesse fing damals schon an...
    Bezüglich das Films ist es sicher nicht ganz einfach alles zu verstehen, wenn man das Buch nicht vorher gelesen hat. Ich denke, mir wäre es ähnlich gegangen. Als vor etlichen Jahren, ich war gerade neu an der Uni, das erste Mal im Zusammenhang mit Psychoanalyse der Name Marie Bonapartes fiel, hatte ich gar keine Ahnung, um wen es sich da handelte, denn bis dahin hatte ich mich nie mit so "späten" Verwandten des Kaisers beschäftigt. Erst als dann der Vortrag hier in der Nähe von Bad Homburg (Steinbach) stattfand, gehalten und sehr lebhaft erzählt von einer deutschsprachigen Französin, begann sich mein Interesse richtig zu entfalten. Schon Jahre vorher war ich in der Grundschule in einem Heft über Bad Homburg auf die Geschichte der "Madame Blanc aus Friedrichsdorf" gestoßen, die den reichen Spielbankpächter von Bad Homburg, Francois heiratete, "eine Geschichte, die wahrlich wie ein Märchen klang, aber doch wahr war". Ich las auch, dass ihre Töchter, wie es damals in dem Heft aus den Achtzigern für uns Kinder erklärt wurde "zwei richtige Prinzen" heirateten, jedoch wusste ich damals den Bezug zu Marie noch nicht, das wurde mir dann alles erst durch den Vortrag klar, der mich darauf brachte, das Buch zu lesen und so weiter.
    Leider hat Carlo Alessandro natürlich eher weniger Erinnerungen, sagte mir aber, dass er sich an Marie als liebe Großmutter erinnere, die ihn als kleinen Jungen mit auf interessante Ausstellungen und ähnliches mitgenommen hatte. Auch empfand er ihren Schreibstil als sehr frisch und aufgelockert, ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit (das bezog in erster Linie auf das Buch "Topsy" von Marie, ich finde nämlich, dass gerade die psychoanalytische Lektüre von Marie sehr schwer zu lesen ist und Du ohne Vorkenntnisse große Verständnisschwierigkeiten hast) Mehr hätte ich sicher von Tatiana erfahren, weil sie viel älter ist, aber leider hat diese meinen Brief nicht beantwortet. Schade.
    Es stimmt auf jeden Fall, dass Marie als eine willensstarke Person im Film geschildert wurde (daher auch ihr Satz "In meiner Familie liebt man die Herausforderung"...), dieses war sie auch! Schon alleine, dass sie Freud immer wieder mit Fragen "gelöchtert" hat, obwohl ihm diese Wissbegierde seiner Patientin am Anfang sogar eher widerstrebte, so lange und immer wieder bis sie sich selber in das Thema einarbeiten konnte. Immerhin steckte die Psychoanalyse damals in den Kinderschuhen und Marie hatte ja kein Studium der Medizin oder etwas dergleichen, alles hat sie sich aus eigener Willenskraft und Wissbegierde angelesen, bis sie selber vieles aus ihrer Kindheit endlich verstand und sogar anderen helfen konnte, dieses ebenfalls zu tun. Trotz ihrer Willensstärke und Kraft, die Du ja auch genannt hattest, hatte sie Zeit ihres Lebens mit ihren Phobien, dunklen Erinnerungen und Alpträumen aus der Kindheit zu kämpfen, sowie mit dem für sie am schlimmstem empfundenen Problem, der Frigidität...
    Geändert von Britt.25 (15.11.2008 um 19:02 Uhr)
    "Da nichts im Laufe unseres Lebens ausgelöscht wird, ist jeder von uns wie ein Dokument, in dem, zwar gekürzt, die ganze Geschichte und die ganze Frühgeschichte der Menschheit niedergeschrieben ist"

    Marie Bonaparte (1882-1962)

  9. #19
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    1. Teil "Pierre Napoleón Bonaparte" von Gerti Brabetz


    Pierre-Napoléon Bonaparte wurde am 11. Oktober 1815 – also erst nach Waterloo – als Sohn von Lucien Bonaparte und dessen Frau Alexandrine Jacob de Bléchamp in Rom geboren. Lucien, ein jüngerer Bruder von Napoléon I., war ein brillanter Kopf, ein engagierter Mitstreiter Napoléons auf dessen Weg zur Macht, überwarf sich jedoch später mit ihm – nicht zuletzt, weil seine schöne und geistreiche Frau aus bescheide-nen Verhältnissen kam, ein Makel, den Napoléon seinem Bruder nie verzeihen konnte. Papst Pius VII. hatte Lucien 1806 ein 8.000 Hektar großes Gebiet um Canino verkauft und es zum Fürstentum erhoben. Es lag etwa 60 km nordwestlich von Rom in einer öden, sumpfigen, ungesunden Gegend, der Maremma. Auf diese Ländereien zog sich Lucien zurück und widmete sich sehr erfolgreich der archäologischen Erforschung Etruriens; er gilt u.a. als der Entdecker der Nekropolen von Vulci/Latium. Anfangs lebte die Familie in einem alten Kloster in der Nähe des Schlosses Musignano, später im Palazzo Farnese am Bolsena-See. Während der „Hundert Tage“ Napoléons im Jahr 1815 stand Lucien couragiert hinter seinem großen Bruder, woraufhin er von ihm in den Rang einer König-lichen Hoheit erhoben wurde. Lucien starb 1840 und ist in der Kollegiatskirche von Canino begraben. Die 14-köpfige Kinderschar des Fürstenpaares Lucien und Alexandrine war viel sich selbst überlassen, da die Eltern ihren höfischen Ver-pflichtungen nachkamen. Dennoch erhielten sie eine umfassende Bildung und Erziehung durch hervorragende Lehrer. Prinz Pierre-Napoléon war das sechste Kind. Wann immer er dem Leben am Hof entkommen konnte, rannte er in die Maremma hinaus. Die Kinder der Schäfer und Bauern waren seine Spielkameraden. Die Sorgen der Armen wurden ihm vertraut, ihr Kampf gegen Missernte, Malaria, Hunger und Elend. Fast alle Schäfer trugen Gewehre mit sich, hielten Hunde, um sich, die Familie und die Herde zu verteidigen; denn das Banditentum im Italien des 19. Jahrhunderts gehörte zum Alltag. Arm und Reich war gleichermaßen in Gefahr, die korrupte Polizei schaute weg. Am Hofe Luciens lebte zwar ein kleiner Trupp Soldaten aus der Grande Armée Napoléons sowie eine päpstliche Reitergruppe, teils zum Schutz, teils zur Überwachung, aber sie konnten nicht verhindern, dass Banditen eines Tages sogar Lucien selbst vorübergehend als Geisel nahmen, und auch Pierre entkam einmal nur mit knapper Not dem Banditen Decasaris durch die Flucht in den Wald. In diesem Umfeld lernte der junge Prinz, dass man, falls nötig, sich selbst Gerechtigkeit verschaffen muss – eine ihn fürs Leben prägende Erfahrung. Schon bald trug er ständig eine Waffe bei sich. Er liebte die freie Natur, besonders die Jagd, lernte glänzend zu fechten und perfekt zu schießen. Er wuchs zu einem stattlich gebauten jungen Mann von robuster Gesundheit und breit gefächertem Wissen heran, ein rebellischer Hitzkopf und Draufgänger, sensibel für die Nöte der einfachen Leute. Das schöne Geschlecht reizte Pierre offenbar sehr früh, schon mit dreizehn Jahren war er in einen handfesten Streit um ein Schäferstündchen mit einer Dame von zweifelhaftem Ruf verwickelt … 1831, mit sechzehn Jahren, floh er mit einem seiner Brüder von daheim, um beim Aufstand der Carbonari ge-gen den Papst mitzukämpfen, an dem auch sein Cousin Louis-Napoléon (der spätere Napoléon III., ein Sohn von Ludwig, ebenfalls ein Bruder Napoléons, und Hortense de Beauharnais) beteiligt war. Die beiden Ausreißer aus Canino wurden schnell gefasst und aufgrund ihrer Jugend nur zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.
    Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Livorno wurde Prinz Pierre aus Italien verbannt, schiffte sich 1832 in die USA ein, um bei seinem Onkel Joseph, dem älteren Bruder Napoléons und Ex-König von Spa-nien, zu leben, der in Pointe Breeze am Delaware, zwischen Philadelphia und New York, residierte. Auch Pierres Cousin Louis-Napoléon hielt sich dort auf. Mit ihm und seinem Cousin Jérôme Bonaparte-Patterson machte er eine Zeit lang die Salons von New York unsicher. Jérôme stammte aus der Ehe von Jérôme, dem jüngsten Bruder Napoléons, mit der amerikanischen Kaufmannstochter Elisabeth Patterson, die er als Ma-rineoffizier in Baltimore kennen gelernt und geheiratet hatte. Auf Befehl von Napoléon I. hatte der spätere „König Lustik“ sich 1807 von der Bürgerlichen scheiden lassen müssen.1 Obwohl Pierre ein großer Frauenheld war, behagte ihm dieses müßige Dandy-Leben nicht lange. Seine Abenteuerlust trieb ihn nach Südamerika, wo Kolumbien und Ecuador seit Jahren gegeneinander Krieg führten. General Santander nahm den Siebzehnjährigen mit dem Grad eines Kommandanten in die Armee Kolum-biens auf. Pierre stürzte sich sofort in die Kämpfe. Seine Opferbereitschaft und sein Mut beeindruckten den General derart, dass er den jungen Mann am Ende des Krieges in der Armee behalten wollte. Aber die europäischen Mächte liefen Sturm gegen die Idee, einem Mitglied der geächteten napoleonischen Familie einen solchen Popularitätsaufstieg zu ermöglichen. Santander musste ihn entlassen. Enttäuscht streifte Prinz Pierre als Tourist durch die Anden, im Januar 1833 kehrte er krank und vom Fieber geschwächt nach New York zurück.
    Einige Monate später erlaubte ihm Papst Gregor XVI. endlich, nach Canino zurückzukehren. Dort führte Prinz Pierre ein sehr einfaches Leben, das hauptsächlich mit der Jagd ausgefüllt war. Allerdings hatte er schon bald Probleme mit der päpstlichen Polizei, weil er sich zu oft in ihre Arbeit einmischte. Durch seine heißblütigen Aktionen und Reaktionen geriet er immer wieder in blutige Händel mit mehr oder weniger berüchtigten Ban-diten, der Polizei und der Armee, erstach eines Tages bei einem Hand-gemenge einen jungen Offizier. Pierre wurde verhaftet, in der Engelsburg in Rom eingekerkert und zum Tode verurteilt. Der Papst begnadigte ihn zwar, verbannte ihn aber erneut aus Italien.
    Im Februar 1837 schiffte sich Prinz Pierre wieder nach Amerika ein, aber seine Ver-wandten empfingen ihn dort sehr kühl. Innerhalb kürzester Zeit war er in eine Schießerei in New York verwickelt, flüchtete nach London. Er trug seine Dienste dem russischen Zaren, dem Khédive von Ägypten, den Spaniern und anderen an, aber alle winkten ab. Er reiste nach Korfu. Die Insel begeisterte ihn wegen des reichen Wildvorkommens, sie war aber auch die Spielwiese von Verbrecher-banden und zweifelhaften Ehrenmännern. Es kam, wie es scheinbar kommen musste: Bei einem Ausflug erschoss er zwei albanische Banditen, die seine Jagdgesellschaft bedrohten. Die Tat verursachte wieder großes Aufsehen. Pierre musste Korfu auf der Stelle verlassen, ging nach England. Dort verliebte er sich in die junge Französin Rose Hesnard, die 14 Jahre lang seine Lebensgefährtin blieb. Mit ihr verließ er England, ver-lebte in den belgischen Ardennen bei Mohimont, in einem Bauernhof mitten im Wald, ungefähr zehn glückliche Jahre. Der schießwütige Heißsporn geriet in Vergessenheit.
    Geändert von Britt.25 (15.11.2008 um 19:04 Uhr)
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    Marie Bonaparte (1882-1962)

  10. #20
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    2. Teil "Pierre Napoléon Bonaparte" von Gerti Brabetz


    Mit der Revolution 1848, die König Louis-Philippe entmachtete, glaubte Prinz Pierre, der ein überzeugter Republikaner war, seine Stunde sei ge-kommen. Seit Januar 1816, nach dem Wiener Kongress, waren alle Bonapartes vom französischen Boden verbannt, aber trotz der Gefahr, verhaftet zu werden, reiste Pierre Hals über Kopf nach Paris, nicht zuletzt auch angelockt von Versprechungen der provisorischen Regierung. Er ließ sich für die Wahlen aufstellen und wurde von den Departments Ardèche und Korsika als Abgeordneter gewählt. Er entschied sich für Korsika.
    Zur Wahl stellten sich übrigens auch drei seiner Cousins: die Prinzen Jérôme Bonaparte und Lucien Murat (aus der Ehe der Annunciata, gen. Karoline, Schwester Napoléon I., mit Marschall Joachim Murat, König von Neapel) sowie Louis-Napoléon. Nach dem Tod des Herzogs von Reichstadt, dem einzigen Sohn Napoléons, im Jahr 1832 war er das Familienoberhaupt der Bonaparte und hattedem Ziel gewidmet, die Ehre und Macht seiner Familie wieder herzustellen. Man könnte also von einer Prinzenwahl spre-chen! Jetzt erst gab der Dichter Alphonse Lamartine, Mitglied der Académie und Abgeordneter der Kammer, zu bedenken, dass die ganze Bonaparte-Sippschaft doch eigentlich aus Frankreich verbannt sei! Aber eine flammende Rede von Prinz Pierre vor der Nationalversammlung zur republikanischen Gesinnung seiner Groß-Familie zerstreute alle Bedenken gegen die „prinzlichen Republikaner“ und verhalf damit Louis-Napoléon letzt-endlich zur Macht. Er dankte es ihm nicht. Nachdem Louis-Napoléon bei den abschließenden Wahlen im Juni 1848 von vier Departements als Abgeordneter in die Konstituierende Versammlung gewählt und im Dezember 1848 zum Präsidenten der Republik ernannt worden war, tat er alles, um Pierre auf Distanz zu halten, untersagte ihm sogar, wegen seiner Vorstrafen und Delikte seinen zweiten Vornamen zu benutzen. Er
    schickte Pierre als Kommandant der Fremdenlegion (ein Grad, den dieser seinen Meriten in Kolumbien zu verdanken hatte) nach Algerien, wo er einen Aufstand bei Zaatcha erfolgreich niederschlagen konnte. (Über diese Zeit verfasste Pierre später ein Buch: „Un mois en Afrique“.) Stolz und überzeugt, zur Festigung der Kolonialmacht Frankreichs beigetragen zu haben, kehrte er nach Paris zurück, musste aber frustriert zur Kenntnis nehmen, dass der Präsident keine Verwendung für ihn hatte, weder in der Armee noch in der Administration. Am Staatsstreich Louis-Napoléons im Dezember 1851, der ihm die Präsidentschaft auf 10 Jahre sicherte und letztendlich zum Erbkaisertum zurückführte, hatte Pierre keinen Anteil. Obwohl der Umsturz seiner politischen Haltung total widersprach, verur-teilte er aus Loyalität seinen Cousin nicht öffentlich. 1852 starb seine Frau Rose. Sie ist in dem Dorf Allemagne bei Caen beerdigt; auf ihrem Grabstein ist zu lesen: „Rose Hesnard, zur Erinnerung an die Gefährtin eines Geächteten.“ Pierre soll ihr Grab sehr oft besucht haben. Trotz seines Kummers verliebte er sich schon ein paar Monate nach Roses Tod in ein neunzehnjähriges Mäd-chen, Eleonore Nina Ruffin, die Tochter eines Kupferschmieds, und ließ sich heimlich mit ihr von seinem alten Hauslehrer, Abbé Casa-nova, trauen. 1858 wurde Sohn Roland, 1861 Tochter Jeanne geboren. Die nicht standesgemäße Ehe seines Vaters Lucien mit einer Bürgerlichen hatte diesem viel Ärger mit Napoleon I. eingebracht; auch der Präsident Louis-Napoléon war außer sich, als Pierres Hochzeit mit Nina ruchbar wurde. Pierre zog sich 1852 nach Korsika zurück, wo man ihn zum „Conseiller Général“ wählte. Offiziell hatte er den Auftrag, den Banditen Serafino dingfest zu machen, ihn mit der Aussicht auf einen Ausreisepass in die USA wegzulocken. Im Laufe der Verhandlungen, die zu nichts führten, entwickelte sich zwischen den beiden aftlicher Umgang. Serafino wurde später von Gendarmen erschossen, nachdem er einen Freund Pierres, den Bürger-meister des Nachbardorfes, ermordet hatte. Bei Lutzibeu, 10 km südlich von Calvi, nahe der Ruine eines Genuesischen Turms, dem „Torre Mozza“, ließ er ein Haus errichten. Er mietete eine Jagd und kaufte 25 Hektar Land, das er kultivierte. Nachdem alles eingerichtet war, reiste Prinz Pierre im November 1852 nach Paris, um Nina abzuholen. Louis-Napoléon ließ sich in dieser Zeit als Napoléon III. zum Kaiser der Franzosen proklamieren, und am 30. Januar 1853 fand seine Hochzeit mit Eugénie de Montijo statt. Pierre durfte als einer der Trauzeugen zwar die Papiere abzeichnen, aber er bekam weder das Brautpaar zu sehen, noch wurde er zu der pompösen Hochzeitszeremonie in der Nôtre-Dame eingeladen. Erneut gedemütigt kehrte Pierre mit Nina nach Korsika zurück. Es gelang ihnen, sich dort einen angenehmen Freundeskreis aus Mitgliedern einer alten Florentiner Familie, aber auch aus ehrenwerten korsischen Bürgern zu schaffen. Nach wie vor war die Jagd Pierres große Leidenschaft, bei der ihn Nina oft begleitete. Es heißt, dass sie einander sehr geliebt hätten, aber auch, dass Pierre die Jagd nach hübschen Bauerntöchtern gefiel und dass die Nachkommen einer großen Zahl illegitimer Sprösslinge heute brave Bürger Calenzanas sind ... Pierre scheint in diesen elf Jahren auf Korsika zufrieden und glücklich gewesen zu sein. Neben seinen „Jagdgelüsten“ nahm er sich auch die Zeit, ein episches Gedicht über „La Bataille de Calenzana“ zu schreiben. Es geht darin um eine heroische Schlacht der Calenzaner gegen die Genuesen im Jahr 1732. Bei den Wahlen auf Korsika im Juni 1863 hätte Prinz Pierre aufgrund seiner Volksnähe und großen Beliebtheit mit Sicherheit eine deutliche Mehrheit erhalten, wenn nicht Napoléon III. eingegriffen und sich nach-drücklich für Pierres Mitbewerber ausgesprochen hätte. Verbittert schrieb er an den Kaiser: „Ich konstatiere meine hybride Position. Sie macht aus mir eine Art Paria, eine Eisenmaske des XIX. Jahrhunderts. Ich bin weder Prinz noch Bürger, weder Wähler noch wählbar, scheinbar zu keiner öf-fentlichen Funktion und für kein Industrieunternehmen tauglich, die meine Zukunft sichern könnten.“ Im Herbst des gleichen Jahres entschied er sich, Korsika endgültig zu verlassen und übertrug die Verwaltung seines Besitzes einem Freund. Den Calenzanern, die ihn leidenschaftlich liebten und verehrten, schenkte er zum Abschied jenen eingangs erwähnten Brunnen, durch den der Ort zu den ersten der Insel gehörte, der über einen aufwändigen Trinkwasserbrunnen verfügte. Einige seiner „natürlichen Kinder“ nahm er mit, und Nina war so großherzig, sie mit den eigenen zu erziehen. Zunächst lebte Pierre-Napoléon mit seiner Familie in Belgien in ihr Epioux, später in Paris, im Maison d’Auteuil. Im Laufe seines bewegten Lebens hatte er den Ruf der napoleonischen Familie wiederholt beschä-digt, aber der nächste Skandal überbot alles: Ende 1869 hatte in Paris das kaiserliche autoritäre Regime einem liberaleren Platz gemacht. Die genuesischen Truppen wurden damals von 800 deutschen Söldnern unterstützt; 500 von ihnen liegen auf dem „Campo Santo dei Tedeschi“ in Calenzana begraben.
    Die Pressefreiheit bewirkte eine hemmungslose Polemisierung. Der Kaiser und seine Regierung, die ganze Familie Bonaparte, ihre Herkunft, Korsika, wurden lächerlich gemacht und hart angegriffen. Wenn er auch nie Gu-tes durch das Kaiserhaus erfahren hatte, den Namen Bonaparte ließ Pierre-Napoléon von Journalisten nicht beschmutzen. Ein Hitzkopf wie er musste die Ehre verteidigen! Briefe gingen hin und her, beleidigende Arti-kel in politisch unterschiedlich ausgerichteten Zeitungen schaukelten ein-ander hoch, und binnen Kürze forderte Pierre einen Journalisten, der un-ter einem Pseudonym schrieb (und als Marquis de Rochefort-Lucay natürlich satisfaktionsfähig war!), zum Duell. Am 9. Januar 1870 tauchte ein gewisser Victor Noir mit einem Begleiter in Pierres Wohnung auf, um als Sekundant eines Journalisten Grousset eine weitere Duellforderung zu überbringen. Pierre hielt sie für Abgesandte des Rochefort. Es entstand ein totales Missverständnis, und im Verlauf eines heftigen Streits ohrfeigte Noir den Prinzen. Sein Begleiter fuchtelte mit einem Revolver herum, Pierre zog den seinen und schoss Noir in die Brust. Victor Noir schleppte sich aus der Wohnung, starb auf der Straße. Pierre und Nina hielten die empörten Nachbarn und Passanten eine Weile mit ihren Waf-fen in Schach, bis Pierre schließlich doch aufgab, verhaftet und in die Concièrgerie gebracht wurde. Dieses Ereignis erschütterte das kaiserliche Imperium in allen Fugen, Pierre verlor jede Sympathie beim Volk. Napoléon III. ordnete an, daß Pierre Napoléon vor den Haute Cour in Tours, der der kaiserlichen Familie vorbehalten war, zu stellen sei. Jetzt erst sprach man Pierre den Rang zu, den er schon immer hatte, aber nie ge-nießen konnte. Nina und seine beiden Kinder begleiteten ihn auf der Ei-senbahnfahrt nach Tours, streng bewacht von einer Eskorte. Im Mai 1870 begann der Prozess. Pierre-Napoléon Bonaparte wurde von der Anklage des Mordes freigesprochen, da er überzeugend darstellen konnte, dass er aus Notwehr gehandelt hatte und den Tod Noirs tief bedauerte. Er wurde zu einer Geldstrafe von 25.000 F. verurteilt, zu zahlen an Noirs Eltern. Napoléon III. forderte zusätzlich, dass Pierre Paris verlassen sollte, aber er weigerte sich, da er sich unschuldig fühlte.
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