Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 16

Thema: Michael Josselson / Barclay

  1. #1
    Registriert seit
    10.01.2012
    Ort
    Bayern
    Beiträge
    35

    Standard Michael Josselson / Barclay

    Hat jemand die Barclay-Biographie der Josselsons gelesen? Viele bezeichnen sie als das Beste, was über diesen Man geschrieben wurde. Mich würde Eure Meinung zu diesem Buch interessieren

    Gruß in die Runde


    Grex

  2. #2
    Registriert seit
    03.10.2006
    Beiträge
    737

    Standard Weymann

    Josselson habe ich, aber noch nicht gelesen.

    Interessant (habe ich, auch gelesen) und für deutsche Leser einfacher zugänglich ist vielleicht:
    W[eyman]n, F. W. v., Barklay de Tolly und der vaterländische Krieg 1812. Reval: Kluge, 1914, 173 S.

    Gruß, Tom

  3. #3
    Registriert seit
    10.01.2012
    Ort
    Bayern
    Beiträge
    35

    Standard Russische Literatur

    Danke. Ich habe gerade auf russisch Andrej Tartakowskijs „Der unenträtselte Barclay“ von 1996 gelesen. E geht der Frage nach, woher die Angriffe auf den Feldherren im Jahre 1812 kamen und weist die vereinfachte Darstellung zurück, daß „Volk und Armee“ ihm aufgrund seines Ausweichens das Vertrauen entzogen hätten. Tartakowski lokalisiert die Urheber der Rufmordkampagne in der Generalität und dem hauptstädtischen russischen Hochadel aus. Barclay wurde verdächtigt, gleich dem zivilen Reformer Michail Speranskij ein Liberaler zu sein, der mit seiner Strategie, die Grande Armée ins Landesinnere zu locken eine Bauernbefreiung durch Napoleon in Rußland billigend in Kauf nahm. Anhänger Barclays, so Tartakowskij, fanden sich insbesondere unter den jungen, gut ausgebildeten und progressiv eingestellten Stabsoffizieren. Diese versuchten, in Denkschriften und Memoiren die Strategie des Feldherren zu rechtfertigen, während die offizielle Historiographie im 19. Jahrhundert den russischen Rückzug und die Kontroverse um Barclay totschwieg. Sein Intimfeind Araktscheijew hat sogar die Barclays an den Zaren in seinem privatem Geheimarchiv versteckt. Lediglich Barclays Leistungen der Feldzüge außerhalb Russlands wurden gewürdigt. In Folge dieser verzerrten Darstellung blieb mit seinem Namen über zwei Jahrhunderte ein negativer Klang verbunden.

    Derzeit lese ich eine Biographie von Sergej Netschajew in der biographischen Reihe SHSL ("Das Leben bedeutender Persönlichkeiten)., die mir auch gut gefällt. Sie bietet auch Informationen über sein Wirken vor 1812, ich bin aber erst bei seinem Amtsantritt als Kriegsminister.

  4. #4
    Registriert seit
    22.11.2011
    Beiträge
    113

    Standard

    Da tun sich ja sehr interessante Aspete zu Barclay auf! Sooo schlecht kann er ja nicht gewesen sein, wenn er 1813 wieder nach Kutusow bzw. Wittgenstein das Kommando erhalten hatte ...

    Wie weit geht die von euch genannte Literatur auf das Problem ein, dass er von den Nationalrussen als "Deutscher" abgelehnt wurde?

    liebe Grüße, Charlotte

  5. #5
    Avatar von Gunter
    Gunter ist offline Erfahrener Benutzer Chef de Bataillon
    Registriert seit
    01.10.2006
    Ort
    Sachsen
    Beiträge
    1.418

    Standard

    Die Haltung der einfachen Soldaten scheint sich ja bereits noch während des Feldzugs gewandelt haben und war eben nicht auf eine negative Einstellung festgelegt.
    Das Problem mit jeglichen Reformen in Russland war, dass sie meist als Bedrohung für die herrschende Elite angesehen wurden und es zum Teil bedingt durch die archaischen Strukturen auch waren. Bei der Konfrontation mit Napoleon, die eben nicht der übliche Kabinettskrieg an der Peripherie war, erwies sich diese Haltung selbst als massive Gefahr für das Bestehen des Reiches. Zeitweise kamen im Laufe des Krieges neue Dinge ins Rollen, auf die danach eine massive reaktionäre Phase folgte, die immer mehr Menschen dem Zarentum entfremdete. In gewisser Weise schaufelte sich das Zarentum das eigene Grab, denn zunächst hatte es Neues gegen die Konservativen erzwingen müssen, um Russland zur Großmacht zu machen, zuletzt hinkte es dann selbst der Zeit hinterher, was zu seinem Untergang führte. Typisch für Russland ist in jeden Fall, dass sämtliche Veränderungen in der Armee, das Schicksal des Staates unmittelbar beeinflussten, während das in anderen Staaten kaum solche Auswirkungen hatte.

    Auffällig sind bei den russischen Persönlichkeiten besonders widerliche Typen - allen voran Großfürst Konstantin und Araktschejev, wobei letzterer sich als Günstling des Zaren extreme Dinge gegenüber erfahrenen Offizieren herausnahm, obwohl er persönlich kein Feldkommandeur war, was man in der damaligen Zeit durchaus als Makel ansehen kann. Sein in der Generalsgallerie ist schon bezeichnend, denn er trägt nur ein Porträtmedaillon des Zaren und einen Ordensstern, während seine Kollegen reichlich mit im Krieg erworbenen Orden behängt sind. Bei den Schilderungen des Verhaltens von Großfürst Konstantin fragt man sich dagegen schon teilweise, ob da nicht eine mentale Störung vorlag.

    Grüße

    Gunter

  6. #6
    Registriert seit
    10.01.2012
    Ort
    Bayern
    Beiträge
    35

    Standard Barclay und seine Gegner

    Nach dem, was Tartakowskij schreibt, war die Abneigung gegen Deutsche von den Gegnern Barclays bewußt herbeigeredet. Deutsche als Kommandeure waren damals nichts ungewöhliches und als heißer Konkurrent Barclays für den Posten des Oberkommandierenden (der formal ja gar nicht besetzt war) galt Benningsen. Letzter war an der Rufmordkampagne gegen Barclay auch selbst beteiligt. Das mit dem verräterischen Deutschen war wohl mehr die Version für die schlichten Gemüter. Sie passte insofern auf Barclay, als er wohl dem damaligen Klischee des "langweiligen" Deutschen enstprach: Genau, pedantisch, sparsam, zur Askese neigend, kein Gesellschaftslöwe. Die Offiziere aus dem russischen Hochadel, die mit Geld um sich warfen, soffen und spielten, empfanden ihn sicher als Fremdkörper.

    Araktschejew war zwar grausam, aber selbst (wie das oft so ist) ein erbärmlicher Feigling, der bei seinen seltenen Besuchen im Felde davonlief, als es krachte (so bei Lieven) und dafür im Krieg gegen Schweden gegen Barclay und andere wetterte, weil sie den Marsch über die vereiste Kvarken-Bucht als gefährlich bezeichneten (so bei Netschajew). Barclay hat es dann erfolgreich umgesetzt, Araktschejew zog sich wieder in sein warmes Büro zurück. Aber diese Kreatur war schon zu Lebzeiten überall (außer bei Alexander und Bagration) verhasst und wurde auch später in der Geschichtsschreibung sehr negativ dargestellt.

    Einer der größten Hetzer gegen Barclay war, (so nicht nur Tartakowski), der Deutschenhasser Jermolow, der geschickt dafür sorgte, daß seine abfälligen Urteile über Barclay auch bei der Truppe ankamen.

    Ich würde sagen, daß das negative Klischee über die Deutschen in Rußland durch diese Kampagne gegen Barclay starken Auftrieb erhalten hat. Noch einmal verstärkt wurde es dann unter dem Nationalisten Alexander III und seinen slavophilen Einflüsterern.
    Geändert von Grex (25.10.2012 um 18:14 Uhr) Grund: Ortographie

  7. #7
    Avatar von Gunter
    Gunter ist offline Erfahrener Benutzer Chef de Bataillon
    Registriert seit
    01.10.2006
    Ort
    Sachsen
    Beiträge
    1.418

    Standard

    Gleich noch eine Frage zum finnischen Krieg. Warum wurde Golizyn-V durch Barclay ersetzt? Ersterer war darüber wohl so sauer, dass er bis 1812 in den Ruhestand trat.

    Grüße

    Gunter

  8. #8
    KDF10 ist offline Erfahrener Benutzer Chef de Bataillon
    Registriert seit
    19.12.2010
    Ort
    Laatzen bei Hannover
    Beiträge
    1.309

    Standard

    Zitat Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
    Bei den Schilderungen des Verhaltens von Großfürst Konstantin fragt man sich dagegen schon teilweise, ob da nicht eine mentale Störung vorlag.

    Grüße

    Gunter
    Da ist wohl was dran. Es gibt Autoren, die behaupten, dass er nach seinem Vater geraten war. Von Kutusow wurde er ja von vornherein geschickt ausgeschaltet, Barclay musste sich mit ihm von Polozk bis Smolensk plagen.

  9. #9
    Registriert seit
    10.01.2012
    Ort
    Bayern
    Beiträge
    35

    Standard Finnland

    Zitat Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
    Gleich noch eine Frage zum finnischen Krieg. Warum wurde Golizyn-V durch Barclay ersetzt? Ersterer war darüber wohl so sauer, dass er bis 1812 in den Ruhestand trat.

    Grüße

    Gunter

    In diesem Kriege haben sich die Oberbefahlshaber die Klinke in die Hand gegeben. Zuerst lief ja auch alles sehr gut für Rußland, aber dann fing es an zu Stocken und Finnen und Schweden haben den Russen gezeigt, was Partisanenkrieg ist. (Daraus hat Barclay seine Schlüsse gezogen!)

    Barclay kam aus einem Urlaub wg. Verwundung bei Preußisch Eylau zurück und machte dann den erfolgreichen Übergang über das Eis. Dafür erntete er viel Anerkennung, der Zar kannte ihn ja schon und war ihm wohlgesinnt. Er wurde dann auch Generalgouverneur des "Großfürstentums Finnland" und schließlich 1810 Kriegsminster.

    Schönes Wochenende!

    Grex

  10. #10
    Registriert seit
    16.05.2007
    Beiträge
    107

    Standard

    "Sein in der Generalsgallerie ist schon bezeichnend, denn er trägt nur ein Porträtmedaillon des Zaren und einen Ordensstern, während seine Kollegen reichlich mit im Krieg erworbenen Orden behängt sind. "

    Hierzu eine Berichtigung: Normalerweise ist es nur den Söhnen,Töchtern und den nächsten Familienangehörigen gestattet, das Portrait des Herrschers als Medaillon zu tragen.
    Einem Untertanen zu erlauben, das eigene Portrait zu tragen, ist die höchste Ehre, die ein Herrscher vergeben kann und steht über allen Orden.
    Siehe z. B. Suworow.
    Damit wird man als Familienmitglied behandelt. Ob man das verdient, erdienert oder erdiniert hat, spielt dabei keine Rolle

    Chasseur

Stichworte

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •