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Deutsche Militärdoktrin: Offensivgeist, Auftragstaktik und Führen von vorne

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  • Deutsche Militärdoktrin: Offensivgeist, Auftragstaktik und Führen von vorne

    Ich habe gerade das - sehr empfehlenswerte - neue Buch von Prof. Sönke Neitzel über Deutsche Krieger gelesen, das sich für die Zeit ab 1871 bis in die neueste Zeit mit der Geschichte, vor allem aber der Struktur und dem inneren Zusammenhalt, kämpfender Truppen vorwiegend des Heeres auseinandersetzt.

    Dabei zeigen sich laut Neitzel, erstaunlicherweise bis in die Bundeswehr des Kalten Krieges, drei Kennzeichen der preußisch-deutschen Militärdoktrin, nämlich:
    • die Auftragstaktik, d.h. Delegation von Entscheidungen bis auf untere Führungsebenen (primär des Offizierskorps),
    • den Anspruch, von vorne zu führen (selbst in moderneren Panzerdivisionen/-armeen) und
    • das Primat der Offensive.
    Ansätze der drei Kennzeichen seien schon während der Befreiungskriege 1813-15 gelegt worden, für die Zeit der Einigungskriege 1864-1871 ist diese Doktrin auf jeden Fall erkennbar. Einen Fokus auf Verteidigung mussten die deutschen Armeen eigentlich nur im 1. Weltkrieg legen, aber auch dort gelangte mit der Einführung der Stroßtruppen ab 1917 wieder ein offensiver Faktor in die Denkweise der Militärs.

    Nun würde mich interessieren, ob zu den drei Kennzeichen wirklich schon Belege aus der Zeit der Befreiungskriege existieren - es hat auf jeden Fall danach eine breite Diskussion unter Militärexperten des 19. Jahrhunderts gegeben, dabei auch zwischen Anhängern von Clausewitz und denen von Jomini.

    Schöne Grüße
    Markus Stein
    "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

  • #2
    Von vorne führen mussten ja die alten Armeen allemal, das zeigt sich ja auch an den Offiziersverlusten der Generalität und deren Verwundungen, das Primat der Offensive - gab es ja schon unter Friedrich den Großen.

    Auftragstaktik, lässt sich auch schon vor den Befreiungskriegen aufzeigen, z.B. gerade bei den leichten Truppen.

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    • #3
      Zitat von HKDW Beitrag anzeigen
      Auftragstaktik, lässt sich auch schon vor den Befreiungskriegen aufzeigen, z.B. gerade bei den leichten Truppen.
      Entsprach das bei den Leichten Truppen tatsächlich schon dem Gedanken, dass übergeordnete Befehle eigenständig dann für eine Kompanie oder einen Zug interpretiert und gemäß gegebener Gefechtsverhältnisse umgesetzt wurden?

      Wenn Du hier Zitate oder Literaturstellen nennen kannst, wäre klasse

      "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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      • #4
        Militärdoktrin, Auftragstaktik ... ich denke, mit solchen anachronistischen Begriffen verstellt man sich eher ein Verständnis der Zeit und der Vielfältigkeit damals wie heute.

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        • #5
          Als Beispiel: Die Disposition für das preußische 1.Armee-Korps für den 4. Januar 1814:

          Diese Disposition bei Damitz, Bd. 1, S. 266 (Paraphrase), Janson, Bd. 1, S. 54 f., Ollech, Reyher, Th. 2, S. 141 (leicht gekürzt mit teils abweichendem Wortlaut), Henckel, S. 558 f.; auch, mit leichten Änderungen im Wortlaut, bei Plotho, Bd. 3, S. 56 f.

          Den 23. Dezember 1813 / 4. Januar 1814 marschiert die Avantgarde des Korps von Yorck auf der Chaussée von Kreuznach über Meisenhein, Lauterecken nach Kusel. Von hier rückt sie in zwei Kolonnen,. die eine gegen Saarlouis, die andere gegen Saarbrücken an die Saar vor.
          Die Stärke der Märsche und alle Dispositionen sind dem kommandierenden Offizier der Avantgarde überlassen.
          Die Bestimmung dieser Avantgarde ist:
          1. Den Feind zu verhindern, sich an der Saar festzusetzen.
          2. Wenn die Festung Saarlouis vielleicht ohne Garnison und nicht proviantiert sein sollte, sie zu nehmen.
          3. Den Marsch des Korps von Yorck zu decken und ihm ruhige Quartiere zu verschaffen.
          Um die Meldungen schnell zurückzubefördern, bleiben Kavallerie-Ordonnanzen auf den Stationen liegen. Wichtige Meldungen werden durch freiwillige Jäger als Kuriere zurückgesendet.
          Das Detachement, welches in Simmern steht, folgt dem Feinde und besetzt (wenn es verlassen wird, und leicht genommen werden kann) Trier, wodurch die rechte Flanke der Armee gesichert ist.
          Das Korps von Yorck marschiert den 4. Januar früh in Kantonnierungs-Quartiere zwischen Kreuznach und Meisenheim, beide Orte inklusiv.
          Das Corps Graf Langeron kantonniert den 23. Dezember 1813 / 4. Januar 1814.
          Die Infanterie in Bingen vorwärts gegen den Selz-Bach.
          Die Reserve-Kavallerie und reitende Artillerie rückt an den Selz-Bach und die leichte Kavallerie macht eine Rekognoszierung gegen Mainz. Dann bleibt sie in Quartieren zwischen Selz-Bach und Mainz.
          Das Hauptquartier ist Kreuznach.
          (gezeichnet) von Blücher.
          für die Richtigkeit der Abschrift der Chef des Generalstabes
          von Gneisenau

          Die Avantgarde hat relativ viel Freiheit, trotzdem werden detaillierte Anweisung für die Übermittlung von Meldungen gegeben.

          Das Korps dagegen hat überhaupt keine Freiheit. In anderen Dispositionen werden sogar die Marschwege genau vorgeschrieben, falls es alternative Routen gibt.

          Ich sehe hier Regelungen, die sich flexibel an die Situation und das Wissen und die Fähigkeiten der Untergebenen anpassen: z. B. was die Übermittlung der Meldungen der Avantgarde angeht, lieber ein Detail zu viel angeordnet als eins zu wenig.

          Ist das nun Auftragstaktik ? Keine Auftragstaktik ?

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          • #6
            Primat der Offensive: war der Trachenberger Kriegsplan offensiv oder defensiv ? Aber vielleicht gingen die offensiven Elemente dieses Plans j auf die Preußen zurück ... mit etwas kreativer Argumentation kann man alles in das Prokrustes-Bett simplifizierender Konzepte pressen.

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            • #7
              Es ist wie immer - außerhalb technischer Standards - eine Frage, was der "Wortverwendende" damit exakt meint. Die ausführlichen Neitzel'schen Definitionen wären daher hilfreich, wenn sie denn auch hilfreich sind.

              Ich denke, dass eine Auftragstaktik schon immer bei einzelnen Kommandos bestand, deren Instruktionen im Regelfall lauteten wie: Sie halten den Punkt x bis zum Tag b besetzt, stellen die Kommunikation mit y her und entsenden Patrouillen nach z. Sollte der Feind Raum geben, besetzten Sie m, sollten sie gedrängt werden, ziehen sie sich gegen a zurück etc. pp.

              Da der Beauftragte dies nur im Rahmen erworbener Kenntnisse (eigene Ausbildung, Ausbildungstand der Truppe) und in Anbetracht der ihm zur Verfügung stehenden Mittel bewerkstelligen kann, er aber auch den Auftrag auch vollständig und ehrenvoll erfüllen will, ergibt sich immer ein Spielraum, den er situationsangepasst nutzen wird.
              Die Gefechtsberichte der sächs: Truppen aus dem Feldzug 1806 sind voll davon.

              Das Entscheidende an so einer Sache ist m.E.n., dass das von der Führung auch akzeptiert wird, also ein wechselseitiges Vertrauen herrscht und gelebt wird.

              Am 18.10.1813 ritt Prinz August, der höchste Artillerist Preußens, an eine vor Probstheida stehende 6pfd. Batterie (ich glaube Huet, aber da müsste ich nachlesen) und befahl dem Kommandeur zu feuern. Der Kommandeur lehnte dieses Ansinnen mit der Worten "zu weit" und "Munitionsverschwendung" ab. Der Prinz akzeptierte und ritt von dannen.








              Wenn der Feind in Schußweite ist, bist Du es auch. Vergiss dabei nie, dass Deine Waffe vom billigsten Anbieter stammt.

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              • #8
                Wenn Du hier Zitate oder Literaturstellen nennen kannst, wäre klasse
                Jany - Gefechtsberichte 1806, hier werden nicht nur die Gefechtsberichte sondern auch das Üben und die Ausbildung solcher Situationen erwähnt.

                Zudem - warte noch ein wenig bis mein Kapitel - Prussian Light Infantry of 1806 (wo du mich ja schön unterstützt hast) in einem Multiauthorenbuch herauskommt - von Helion Press.

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                • #9
                  Auweia, da habe ich wieder was losgetreten ... bitte seht mir die etwas verallgemeinernde Fragestellung nach. Aber um auf Da Capos Wunsch nach Definition nachzukommen, diese hat Sönke Neitzel in seinem Buch nicht explizit aufgeführt, sondern aus dem Kontext heraus definiert. Über eine zeitgemäßere Fragestellung in der Sprache der damaligen Zeit habe ich mir keine Gedanken gemacht

                  Und gerade das Primat des Angriffs fand ich schon interessant, zumal wie gesagt selbst in der Bundeswehr (in der ich zur Hochzeit des Kalten Krieges als kleiner Sanitäter der Luftwaffe die 15 Monate abdienen durfte) strategisch-taktische Überlegungen von der Übernahme offensiver Aktionen gegen die "hereinbrechenden" Armeen des Warschauer Paktes angesetzt wurden.

                  Und Sans-Souci hat mit seinen pointierten Darstellungen schon den Punkt getroffen, wo ist die Grenze zwischen Schwarz/Weiß, also Offensive vs. Defensive oder Auftragstaktik vs. Anordnung jeder Einzelheiten.

                  Wenn ich in die (wenigen) Bücher zur deutschen Militärgeschichte, dort v.a. die mehrbändige Ausgabe der "Deutschen Militärgeschichte" des damaligen MGFA, schaue, wird für unsere Periode meist auf den prägenden Einfluss Napoleons hingewiesen - allerdings wäre es interessant, zu sehen, ob es in der preußischen Denkweise des Generalstabes (signifikante) Unterschiede zum französischen "Vorbild" gibt. Allerdings kann man dort auch von den Diskussionen von Militärtheoretikern im 19. Jahrhundert lesen, sowie von den zwei prägenden postnapoleonischen Schriftstellern Clausewitz und Jomini.

                  Das Beispiel von Dir, Da Capo, ist insofern interessant, als hier tatsächlich die Erfahrung des Untergebenen akzeptiert und (hoffentlich) nicht mit späteren Sanktionen bestraft wird - eine Denkweise, die wohl in allen deutschen Armeen seit 1871 begrüßt wurde, da Gefechtserfahrung letztlich mehr zählt(e) als Kadaver- oder politischer Gehorsam.

                  Übrigens ein für mich ehemaligen Bundeswehr-Pflichtiger interessanter Nebenfakt: die NVA hat ihre Rekruten nachhaltig gefechtsnäher ausgebildet als die Bundeswehr, allerdings hat man wohl nach der Wiedervereinigung (auch wegen der bekannten Sparorgien unserer Politiker) verpennt, diese Erfahrungen in der Ausbildung auch auf die gesamte Bundeswehr zu übertragen.

                  Schöne Grüße
                  Markus Stein
                  "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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                  • #10
                    Werte Foristen,

                    zum Thema "Auftragstaktik" liegt mir zwar nur eine 179 Seiten schmale, aber nichts desto trotz lesenswerte Studie aus dem Jahr 2002 von Stephan Leistenschneider vor: Auftragstaktik im preußisch-deutschen Heer 1871-1914 die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch von Hrn. Nötzel benutzt wurde.

                    Vorausschicken möchte ich, dass mein Interessengebiet primär einige Dekaden nach den Napolonischen Kriegen liegt, mehr in de Zeit 1867-1918 und ich dem zu folge aktiver im Feldgrau-Forum bin.
                    Hier in diesem Forum war ich bisher ab und an stiller Mitleser, entschied nun aber, mich dieser Foren-Gemeinschaft anzuschließen. Dem zu Folge achte ich euer Wissen um diese Epoche weitaus höher als ich es habe und bitte um Nachsicht für eventuelle Fehlbegriffe- / Ansichten.

                    So, genug Papperlapp und weiter im Text.

                    Der Schwerpunkt des og. Buches liegt auf der Zeit ab 1871. Die Auftragstaktik (ein Begriff, der erst zu Beginn der 1890er Jahre benutzt wurde) beschreibt er folgendermaßen:

                    "Die A. ist eine militärische Führungskonzeption, also ein umfassendes Leitprogramm für Führung, Ausbildung und Erziehung in einer Armee.
                    Es genügt daher zur Erklärung ihrerr Entstehung nicht, einige Regeln für die Befehlsgebung "aufzuspüren". Die Tatsache, daß zu einem bestimmten Zeitpunkt einzelne militärische Führer selbstständig gehandelt haben, reicht ebenfalls nicht als Beweis für das Vorhandensein der Führungskonzeption "Auftragstaktik" aus
                    . [.....]!

                    Den Kern der A., die zum ersten mal im Exerziereglement für die Infanterie aus dem Jahr 1888 festgeschrieben wurden, machen folgende Punkte aus:
                    a) Führen des Gefechts nach Kommandoeinheiten:
                    b) Freiheit der Form statt Normalangriff
                    c) Selbsttätigkeit als taktisches Prinzip
                    d) Die Befehlsgebung
                    e) Die Ausbildung der Führer
                    f) Aspekte der Menschenführung: Aktive Disziplin und gegenseitiges Vertrauen
                    Zu a): Mit Kommandoeinheiten waren z.B. auf der Ebene der niederen Truppenführung gemeint die Kompanie, Bataillon, Regiment und Brigade. "Die Führer aller Grade gewinnen ein Höchtsmaß an Eigenverantwortlichkeit; die Selbsttätigkeit aller wird zum taktischen Prinzip, [....]." Die Verschiedenartigkeit der Gefechtsaufgaben wie der Geländeverhältnisse bedingt eben auch die Verschiedenartigkeit des Angriffsverfahrens."

                    Zu b) Jede Gefechtslage bedingt eine besondere Form: "Kein Gefecht gleicht dem andern" [...]. Ein Schema, also ein für alle Fälle verbindliches Normalangriffsverfahren läßt sich für diese mannigfaltigsten Erscheinungsformen des Gefechts nicht geben. [...] Die reglementarisch festgelegte Gefechtslehre darf nur Grundsätze und ihre Begründung geben, auf Einzelheiten, die von der Lage, von der "Macht der Umstände" abhängen, muß sie verzichten."

                    Zu c) Aufgrund gesteigerter Waffenwirkung und größerer räumlicher Ausdehnung der Truppenteile kommt den Kommandoeinheiten [bis hinunter zum einzelnen Musketier] ein hohes Maß an Selbstständigkeit zu.

                    Zu d) Die Befehlsgebung war das Element, der die A. ihen Namen verdankt: "Die Deutung des Auftrages als einer besonderen Befehlsform, die den Unterführern einen besonders großen Spielraum beläßt und damit ihre Eigeninitative fördert [...]

                    Zu e) Grob zusammengefasst im Prinzip das Näherbringen/Verinnerlichen der Punkte a-d in der Ausbildung "...im Sinne des Ganzen handeln, ohne zu zaudern."

                    Zu f) "Die A. erfordert die "aktive Disziplin", den "selbstständig denkenden Gehorsam." Darin liegt das Wesen der aktiven Disziplin, daß jeder Soldat an seinem Platz mit Hingebung seiner ganzen Person die Absichten seines Vorgesetzten zu verwirklichen sucht.

                    Das soll genügen. Die ganzen Zitate wurden von mir etwas willkürlich ausgesucht, bringen aber hoffentlich den "Geist" der A etwas näher.


                    Bezüglich der Zeit, die hier im Forum im Zentrum des Interesses steht, benennt Leistenschneider v.a. das Jahr 1808 (allerdings ausschließlich an Preußen und seiner Militärreform orientiert) welches quasi als Beginn der Entwicklung hin zur A. gilt, z.B. Gliederung der Truppen nach waffengemischten Brigaden, demzugfolge flexiblere Gefechtsführung usw..
                    Allerdings gab es, von Ausnahmen abgesehen, eben noch keine wirkliche A. im Sinne o. genannter Geister: schlachtentscheidende Angriffe waren seitens der Infanterie immerer noch in festgelegten Gefechtsformen (Kolonne) vorgesehen, der Selbstständigkeit von Unterführen doch starke Grenzen gesetzt.


                    Meiner Meinung nach konnte die A. in der oben skizzierten Form in ihren wesentlichsten Punkten überhaupt erst Ende des 19. Jahrhunderts so zur Geltung gelangen aufgrund eben der gesteigerten Waffen- Technikwirkung (MG, Funk, Flieger, rauchschwaches Pulver, Schießen der Artillerie aus verdeckten Feuerstellungen usw.,) die ein vollständiges Umdenken in nahezu allen Bereichen des Militär verlangte.

                    So, nach so viel Schreiberei bluten mir die Patschehändchen und ich muß sie durch ein kühles Glas Bier abkühlen
                    Zuletzt geändert von IR 134; 13.02.2021, 00:11.

                    Kommentar


                    • #11
                      Ein sehr interessanter Beitrag von IR 134, dem ich voll zustimme. Den Ursprung der Auftragstaktik in die Zeit der Befreiungskriege zurückzudatieren ist aus mehreren Gründen problematisch. Sicherlich hat die Organisationsstruktur des preußischen Generalstabs die Grundvoraussetzung dafür geschaffen.

                      Auftragstaktik wie sie heute gelehrt wird, erfordert vom unterstellten Truppenführer, dass er durch den ihm erteilten Auftrag in die Lage versetzt wird, im Sinne der übergeordneten Führung handeln zu können. Das geht nur, wenn in dem ihm gegebenen Befehl die Absicht des Befehlenden klar mitgeteilt wird.

                      Nur aus der klar formulierten Absicht der übergeordneten Führung kann der untergeordnete Truppenführer über Lagesfeststellung, Lagebeurteilung und daraus resultierendem Entschluss mit Befehlsgebung den ihm gegebenen Auftrag mit der größtmöglichen taktischen Freiheit umsetzen.

                      Der Befehl, den Sans-Souci oben zitiert, erfüllt diese Bedingungen zumindest für den Führer der Avantgarde. Es ist die Absicht der Armeeführung, dass die Avant-Garde ein Festsetzen des Feindes an der Saar verhindert, sie nach Möglichkeit die Festung Saarlouis nimmt und damit die Voraussetzung für den weiteren Vormarsch und das Beziehen von sicheren Quartieren für das
                      I. Korps schafft. Ich denke, da ist für den Avant-Garde-Führer alles drin, was man heute Auftragstaktik nennen würde. Führen von vorn und Führen nach Auftrag mit klar umrissener Absicht der übergeordneten Führung.

                      Es wäre interessant, weitere Befehle aus der Zeit der napoleonischen Kriege auf die "Absichtserklärung" der übergeordneten Führung hin zu untersuchen. Der oben zitierte Befehl Blüchers, gibt zumindest dem genannten Detachement noch eine vage Absicht mit auf den Weg, nämlich die Flankensicherung... Die weiteren Truppenteile, werden über die Absicht Blüchers, welche mit ihren Marschbewegungen verbunden sind, völlig im Unklaren gelassen.

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                      • #12
                        Plotho gibt zahlreiche Dispositionen inhaltlich vollständig wieder, auch wenn er den exkten Wortlaut immer "eindeutscht" indem er stillschweigend französische Worte durch die deutschen Äquivalente ersetzt. Hier zum Beispiel die Dispositionen zur Schlacht bei La Rothière am 1. Februar 1814:

                        https://books.google.de/books?id=euY...112&dq=Viertes

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                        • #13
                          Meiner Meinung entwickelt sich die Auftragstaktik nach dem 7JK - zuerst bei den leichten Truppen und später dann auch in der Linie, wo eben nicht mehr unbedingt taktische Formationen vorgeschrieben sind - sondern der Unterführer je nach Gefechtslage eigene taktische Entscheidungen treffen musste.

                          Die Reglements, geben eigentlich nur eine Korsettstange - oder modern "Tools", die der Befehlshaber ja nach Lage ändern konnte.

                          Natürlich wird sich die Art der Auftragstaktik je nach Waffenwirkung und Gefechtstaktik sich in der jeweiligen Zeit unterscheiden und unterschiedliche Ansprüche an die Soldaten und ihren Führern stellen, aber wenn ich mir die Gefechtsberichte von 1806 so ansehe, entschieden die jeweiligen Befehlshaber eigenmächtig mit welchen Mitteln sie ihre Gefechte führten.

                          Bisher waren ja nur die Gefechtsberichte von Jany leicht zugänglich - aber Jörg Titze liefert zahlreiche wertvolle Berichte in seinen Bänden über die Gefechtsberichte der sächsischen Truppen 1806.



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                          • #14
                            Die Verwirklichung der sgg. Auftragstaktik ist nicht zwingend mit dem Begriff Offensive zu verbinden. In der Verteidigung war die felxible Umsetzung eines Auftrages ebenso erfolgreich.
                            Interessant wäre es, in diesem Zusammenhang den Unterschied zwischen Auftragstaktik und Befehlstaktik an Hand historischer Beispiele herauszuarbeiten.
                            Das Wesen der Auftragstaktik würde so deutlicher zu erkennen sein.
                            Tu´ im Kriege das, was der Gegner für unmöglich hält.

                            Alexander W. Suworow

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                            • #15
                              Im Grunde handelt es sich doch um ein Problem der Theorie. Der (schreibende) Stäbler, der (das Große und Ganze-) Historiker etc. pp. muss dem Kind einen Namen geben und das aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, die ich als für diese Arbeit äußerst wichtig empfinde. Begriffe müssen definiert und inhaltlich beschrieben werden, was in der Nicht-Technik viel schwieriger ist als in der Technik, um zur Wissensvermittlung beizutragen.

                              Dem praktizierenden Kampftruppen-Dienstgrad (oder liebevoll "Frontschwein") kann es nachteilsfrei völlig egal sein, wie der wissenschaftliche Begriff für das ist, was er tut, wenn er das macht, was von ihm erwartetet wird. Für ihn sind derartige Begriffe nur dann wichtig, wenn es mit Resourcen verbunden ist, die ihm bei der Auftragserfüllung helfen.

                              Auch dem (Real Life-) Historiker sind solche Begriffe - denke ich - eher suspekt, weil er sie in seiner Arbeit nur der praktischen Ausführung zu "sehen" bekommt, ohne das jetzt etwas aufpoppt "AHA, dass ist jetzt Auftragstaktik!"

                              Fazit: Es gibt Leute, denen diese Begrifflichkeiten hilfreich und erkenntnisbringend sind und es gibt Leute, denen diese nicht helfen.


                              Wenn der Feind in Schußweite ist, bist Du es auch. Vergiss dabei nie, dass Deine Waffe vom billigsten Anbieter stammt.

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