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Kriegsverbrechen unter Napoleon?

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  • Kriegsverbrechen unter Napoleon?

    Napoleon war der erfolgreichste Feldherr seiner Zeit. Kriege ziehen zwangsläufig auch Kriegsverbrechen nach sich. Kann man Napoleon dafür verantwortlich machen? Wenn hier wieder Vergleiche zwischen Napoleon und Hitler auftauchen sollten, bitte ich einen der Admins, diese zu löschen.
    Zuletzt geändert von KDF10; 14.03.2011, 21:15.

  • #2
    Das mit dem erfolgreichen Feldherrn ist immer so eine Sache. Was soll das bedeuten? "Handwerklich" im Sinne von im Detail erfolgreich? Es sind Schlachten und Feldzüge gewonnen worden, aber der Krieg wurde am Ende doch verloren. War dafür der Staatsmann Napoleon verantwortlich oder doch der Feldherr? Ein erfolgreicher Feldherr ist für mich einer der seine Erfolge langfristig sichern konnte und da zählt Napoleon nicht dazu. Er mag ein begabter Herrführer gewesen sein, wobei sich das bei genauerem Betrachten auch relativiert, vielleicht mit Ausnahme von Austerlitz. Seine Personalentscheidungen waren jedenfalls nicht selten fragwürdig, was ein schlechtes Licht auf seine Führungsqualität wirft.

    Was die Kriegsverbrechen betrifft, so gibt es die in jedem Krieg auf allen beteiligten Seiten. Außergewöhnlich sind da nur von oben gelenkte/beabsichtigte Verbrechen und die hat Napoleon auf jeden Fall begangen, da gibt es nichts zu beschönigen. Sein Besatzungsregime hat in einer ganzen Reihe von Fällen zum Justizmord gegriffen. Außerdem kann mir keiner erzählen, dass Napoleon keine Ahnung davon hatte, wie undiszipliniert sich die französische Armee verhielt. Das wurde mit allen negativen Konsequenzen für die darunter leidende Zivilbevölkerung sehenden Auges hingenommen und war in gewisser Weise Teil des napoleonischen Systems. Es muss einen schon sehr wundern, wenn die sonst als barbarisch definierten Kosken in vielen Quellen als willkommene und sogar manchmal angenehmere Alternative zur napoleonischen Armee dargestellt werden. Grundlos können solche Schilderungen nicht entstanden sein.

    Viele Grüße

    Gunter

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    • #3
      Kriegsverbrechen im modernen Sinne, als Taten, die gegen Kriegs- und Völkerrecht verstießen und gerichtlich geahndet werden können, gab es zur Napoleonischen Zeit mangels strafbewehrter kriegs- und völkerrechtlicher Verträge nicht.

      Die ethischen Vorstellungen, was im Krieg generell und im Kampf auf dem Schlachtfeld "erlaubt" oder sozial akzeptabel war, waren auch andere als heute.

      Hier eine Definition von 1790, was man unter Kriegsverbrechen verstand:

      http://books.google.com/books?id=KJoUAAAAQAAJ&pg=PA363

      PS. Wenn hier Vergleiche zwischen Napoleon und Nebukadnezar auftauchen sollten, bitte ich einen der Admins, diese zu löschen.
      Zuletzt geändert von Sans-Souci; 15.03.2011, 10:25.

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      • #4
        Ich hab mal die Vorschriften zum Verhalten auf dem Marsche oder Durchzug rausgezogen. Im Original auf S. 371.
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        • #5
          Grundsätzlich ist das damals natürlich eine ganz andere Anschauung gewesen. Es gab keine internationale Ächtung von Angriffskriegen, denn sonst hätten die meisten Regierungen hinter Gitter gemusst. Wir sehen, dass diese Problematik heute auch nicht ganz so einfach ist und nach Belieben ausgelegt wird. Was es gab, war ein mehr oder weniger vorhandenes ethisches Bewusstsein, das die Schrecken des Krieges im Vergleich zur Zeit des 30jährigen Krieges abmilderte. In vielen Fällen herrschte dieses Bewusstsein aber auch nicht vor und es gab schlimmste Ausschreitungen.

          Die Ethik auf dem Schlachtfeld könnte man durch eine Mischung aus "Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu." und "wie du mir, so ich dir" definieren.

          Will man Leute wie Napoleon hinsichtlich von Kriegsverbrechen beurteilen, so kann man keine rechtlichen Regelungen seiner Zeit heranziehen. Als Souverän konnte man machen was man wollte, ohne jemals international gerichtlich belangt zu werden. Woran man ihn messen kann ist höchstens am damals vorherrschenden ethischen Bewusstsein. Deutlich wird das eigene Schuldbewusstsein der Akteure immer dann, wenn sie gegen die ethischen Prinzipien ihrer Zeit mal verstießen, ihnen in anderen Fällen aber ausdrücklich Folge leisteten.

          Grüße

          Gunter

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          • #6
            Es gab am 13.3.1815 die Erklärung der Mächte, er habe sich der Vergeltung ausgesetzt (also ihn vor ein Gericht zu stellen ?). Letztlich wurde aber auf ein Strafverfahren verzichtet und er als Gefangener auf St.Helena interniert. Aus welchen Gründen auf ein Strafverfahren verzichtet wurde, ist mir nicht bekannt. Das wäre sicherlich interessant.

            http://books.google.de/books?id=d2KQ...ericht&f=false

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            • #7
              Hier noch ein zeitgenössischer Artikel zu diesem Thema
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              • #8
                Das würde ich nicht wörtlich nehmen. Außerhalb von welchem geltenden Gesetz sollte er denn gestanden haben? Wenn der souveräne Fürst von Elba meinte, er müsse die Herrschaft in Frankreich übernehmen, warum nicht? Es hat ja auch niemand Russland gebeten Finnland zu erobern und Schweden hatte genausowenig Berechtigung Norwegen einzukassieren. Was hatte denn Sachsen völkerrechtlich verbrochen, dass es durch die Wiener Beschlüsse so geschröpft wurde? Da ging es doch immer nur um das Recht des Stärkeren. Gerade im 19. Jh. sieht man immer wieder, dass das monarchische Legitimitätsprinzip mehr als dehnbar war und keinesfalls als feststehendes Rechtsgut galt.

                Bei dieser Erklärung ging es doch teils um Legitimisierung der eigenen Bestrebungen für eine Machtbalance in Europa zu kämpfen und um Rache an dem Emporkömmling. Jeglicher "Gerichtsbeschluss" von dieser Seite wäre nur Siegerjustiz in Reinkultur gewesen. Man meinte sowas verlautbaren zu können, weil man Napoleon für schwach hielt, was er unter Betrachtung aller Umstände 1815 tatsächlich auch war.

                Grüße

                Gunter

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                • #9
                  Um nochmal auf die die eigentliche Frage von oben einzugehen, ja, Napoleon ist für Kriegsverbrechen verantwortlich zu machen und zwar für
                  1. solche, die er selbst befohlen hat, z.B. Enghien, Ermordung von Gefangenen
                  2. solche, die durch sein System hervorgerufen wurden, z.B. Ausplündern der Zivilbevölkerung, weil die französische Militärverwaltung nie für ausreichend Versorgung sorgte; Duldung von Raub im großen Stil vom Marschall bis zum Füsilier, Anordnung von Erschießungen auch durch untergeordnete Stellen

                  Grüße

                  Gunter
                  Zuletzt geändert von Gunter; 15.03.2011, 19:51.

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                  • #10
                    Zitat von Gunter Beitrag anzeigen
                    Um nochmal auf die die eigentliche Frage von oben einzugehen, ja, Napoleon ist für Kriegsverbrechen verantwortlich zu machen und zwar für
                    1. solche, die er selbst befohlen hat, z.B. Enghien, Ermordung von Gefangen
                    2. solche, die durch sein System hervorgerufen wurden, z.B. Ausplündern der Zivilbevölkerung, weil die französische Militärverwaltung nie für ausreichend Versorgung sorgte; Duldung von Raub im großen Stil vom Marschall bis zum Füsilier, Anordnung von Erschießungen auch durch untergeordnete Stellen

                    Grüße

                    Gunter
                    Hast Palm vergessen

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                    • #11
                      Meine Angaben erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Palm ist ja sicher auch nicht das einzige Opfer dieser Art gewesen.

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                      • #12
                        Zitat von KDF10 Beitrag anzeigen
                        Hast Palm vergessen
                        Inwiefern ist die Erschiessung von Palm (und auch des Herzogs von Enghien) ein Kriegsverbrechen?

                        Gruss, muheijo

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                        • #13
                          Das waren keine Kriegsverbrechen. Man wollte ihn ja damals auch vor ein normales Kriminalgericht stellen. Warum das letztlich nicht geschah, kann ich nur mutmaßen. Wahrscheinlich weil die meisten Sachen, die man ihm vorwarf, duch das normale nationale Recht nicht abgedeckt waren. Und diese Morde wurden wohl dann doch nur als Nebensache angesehen.

                          Was mich schon immer verwundert hat, daß er sich nach diesem Absturz nicht selbst gerichtet hat, bevor er mit dieser Demütigung und den Trümmern seiner Existenz weiterlebte.

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                          • #14
                            Was für eine Art Verbrechen sind denn Morde durch eine militärische Besatzungsmacht? Die Erschießung des Herzogs von Enghien wurde doch dadurch legitimiert, dass er gegen Frankreich gekämpft haben soll und durch Komplotte gegen Napoleon.

                            Napoleon konnte nicht vor ein Gericht gestellt werden, weil das sehr peinlich geworden wäre, gerade vor dem Hintergrund der öffentlichen Meinung. Mit einem Prozess hätte man ihm nur eine Plattform zur Selbstdarstellung gegeben und das hätte für ihn sehr gut funktionieren können, da die anderen ja auch keine weiße Weste hatten. Ihn zum Märtyrer zu machen wäre das letzte gewesen was man wollte. Schlimm genug, das er auf der Insel an seiner Legende feilen konnte, die dann auch noch verbreitet wurde.

                            Grüße

                            Gunter

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                            • #15
                              Ob ein Kampf gegen Frankreich zur Ermordung berechtigt, glaube ich wohl eher nicht. Inwieweit ein Komplott dazu berechtigt ? Er wurde wohl unter der Verletzung der Souveränität Badens entführt und nach Frankreich geschafft. Letztlich ist es doch egal, ob ein Mord als Kriegsverbrechen deklariert werden kann oder nicht. Im Gegenteil, ein "normaler" Mord ist m.E. meistens schlimmer, weil das Moment des Krieges, was einiges entschuldigen kann, wegfällt.

                              Weiter genannt ist die Ermordung des Buchhändlers Palm und die Folterung des engl. Kapitäns Wright (mit der Bemerkung, hier steht der Beweis noch aus). Zumindest der englische Kapitän war Kombattant und wurde (wohl)gefoltert, weil er keine Geheimnisse verraten wollte. Aber nur aus dem Artikel, da bin ich nicht tief genug drin, so sehr interessiert mich N. dann doch nicht.

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