Preußisches Krätzchen im Feld - künstlerische Darstellung und Realität

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  • Hermod-1871
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    Enfant de Troupe
    • 10.07.2026
    • 2

    Preußisches Krätzchen im Feld - künstlerische Darstellung und Realität

    Hallo Leute,
    ich versuche, mich kurz zu fassen.

    Seit Jahren treibt mich eine Frage um:
    Wie authentisch sind die regelmäßigen künstlerischen Darstellungen von Krätzchen tragenden Soldaten im Gefecht?

    Ich weiß aus einer Quelle (Erinnerungen von Justus Scheibert, einziger preußischer Kriegsberichter im ACW mit offiziellem Auftrag/Erlaubnis, Kriegsteilnehmer 1864, 1866 und 1870, verwundet bei Wörth(? da bin ich mir gerade etwas unsicher) und verantwortlicher Platzoffizier zur Entfestigung von Minden), dass spätestens seit 1864 die Ordre galt, dass im Feld der Helm zu tragen sei. Dazu wußte er eine nette Anekdote zu erzählen.

    Meine Annahme daher: das galt auch für die späteren Kriege.

    Und das steht im Widerspruch zu den (gefühlt) häufigsten künstlerischen Darstellungen (Stiche, Gemälde etc.).

    Jetzt sind sie genau das: künstlerische Darstellungen und Interpretationen - und diese sind in ihren Aussagen als Quelle kritisch zu betrachten.
    Daher war meine Freude groß, das Buch "1870/71 in Farbe" endlich in Händen zu halten.
    Und dann die Überraschung:
    zu meiner Frage: nichts!

    Ja, Kopfbedeckungen werden behandelt - und vom (ersatzweisen)Tragen des Krätzchens im Gefecht/Felde, aus welchem Grund auch immer, kein Wort.
    Mein Schluss daraus: es kam nicht vor - zumindest nicht in erähnenswerter Weise/Umfang.
    Und das will was heißen, wie die ganzen herrlichen Anekdoten in dem Buch zeigen.

    Ich lade jeden ein, der etwas dazu beitragen kann, mich daran teilhaben zu lassen.
    Vielleicht kennt noch jemand Quellen?! Vielleicht liest dies auch Markus Stein, und mag dazu etwas teilen!?
    Ich freue mich über alles, das über Spekulation und Mythos hinausgeht.

    Vielen Dank für Eure Beiträge im Voraus.
    Herzlicher Gruß
  • admin
    Administrator
    Colonel
    • 30.09.2006
    • 2979

    #2
    Gute Frage Hermod-1871, aber eine definitive Antwort kann ich dazu leider nicht geben. Es stimmt, in der Regel wurde der Helm im Gefecht getragen, auf Märschen oder im Biwak könnte aber auch die Feldmütze genehmigt worden sein.

    Da ich an den letzten Zügen der Texte zum 1866er Band sitze und Preußen schon fertig ist, kann ich für das Tragen der Feldmütze aka Krätzchen folgendes aus dem Band 1 zitieren:

    Im Feld trugen die Soldaten und Offiziere oft die Feldmütze aus dunkelblauem Tuch. Diese war für Mannschaften und Unteroffiziere ohne Schirm, hatte ponceaurote Vorstöße und einen ponceauroten Besatzstreifen, auf dessen Vorderseite die Kokarde angebracht war. Offiziere hatten Mützen mit gestärktem Deckel und Augenschirm. Einige Einheiten trugen während des gesamten Feldzuges, auch aufgrund der hohen sommerlichen Temperaturen, durchgehend die Feldmützen, so die 2. Garde-Infanterie-Brigade. Zur Angleichung der Kopfbedeckung mit anderen Verbänden legten Einheiten wie das 4. Garde-Regiment zu Fuß den Helm ab und zogen an seiner Stelle die Feldmütze auf
    Die "Harmonisierung" beim 4. Garde-Regiment zu Fuß war aufgrund der Zugehörigkeit zum II. Reserve-Armee-Korps, das ansonsten in Feldmützen in den Feldzug ging - übrigens haben die Braunschweiger "Ärger bekommen", da sie (zunächst) keine Kokarde an ihrer Mütze wie die anderen Truppenteile des Armee-Korps hatten.

    In Memoiren und Erinnerungen werden oftmals nur außergewöhnliche Zustände an der Montur beschrieben, leider gehört die "Alltags-Kopfbedeckung" Feldmütze nicht zu den erwähnenswerten Umständen.

    Schöne Grüße
    Markus Stein
    "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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    • Sans-Souci
      Erfahrener Benutzer
      Colonel
      • 01.10.2006
      • 2147

      #3
      Wenn die Feldmütze statt des Helmes getragen wurde, erhebt sich natürlich die Frage, wo und wie dann der Helm transportiert wurde ?

      Kommentar

      • Hermod-1871
        Neuer Benutzer
        Enfant de Troupe
        • 10.07.2026
        • 2

        #4
        Vielen Dank für die schnellen Beiträge.
        Ich erwarte in der Tat keine definitive Antwort - vielleicht würde sie mich sogar enttäuschen, denn so bleibt mir ein ganz eigenes Kuriosum zur Recherche.
        Für 1870/71 halte ich es weiter auffällig, dass das Krätzchen offenbar nirgends derart erwähnt wurde, dass es zur Aufnahme in das Buch gereicht hat.
        Nun habe ich eine Begründung, mir eine kleine Quellensammlung zuzulegen :-D

        A propos, Markus Stein: teilst Du dazu eine Quellen- und Literaturliste?

        Auf bald.

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        • admin
          Administrator
          Colonel
          • 30.09.2006
          • 2979

          #5
          Zitat von Sans-Souci Beitrag anzeigen
          Wenn die Feldmütze statt des Helmes getragen wurde, erhebt sich natürlich die Frage, wo und wie dann der Helm transportiert wurde ?
          Da die Befehle zum Ablegen der Helme bei nahezu allen Staaten vor Eintritt in die Kampfhandlungen erteilt wurden, blieben diese in den Depots zurück oder wurden zurückgeschickt. Eine kleine Anekdote betrifft bspw. die Gardes du Corps Hannovers, die haben sowohl den weißen Koller als auch ihre Kürasse in Göttingen "in einer Irrenanstalt" zurück gelassen, Zitat aus dem Standardwerk zur Hannoverschen Armee 1866 und deren Feldzug in Thüringen.

          Wenn das Ablegen der Helme aber erst nach Abmarsch erfolgte, dann wurden sie sehr wahrscheinlich auf die Bagegewagen verteilt und transportiert, das dürfte aber eher selten erfolgt sein.

          Schöne Grüße
          Markus Stein
          "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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          • admin
            Administrator
            Colonel
            • 30.09.2006
            • 2979

            #6
            Zitat von Hermod-1871 Beitrag anzeigen
            V
            A propos, Markus Stein: teilst Du dazu eine Quellen- und Literaturliste?
            Im von Dir besagten Buch habe ich ja Literatur und Quellen angegeben, Gleiches wird auch für 1866 erfolgen, für diesen Feldzug gibt es aber nur wenig Erinnerungen, wahrscheinlich aus dem Grund, dass der deutlich beeindruckendere Feldzug gegen Frankreich nur fünf Jahre später alles überlagerte (sowohl die Dauer als auch die Ergebnisse betreffend).

            Auf jeden Fall solltest Du Regimentsgeschichten, die es schon weitgehend digital gibt, konsultieren - dort finden sich in einigen ausführlichen Beschreibungen auch Hinweise auf Regiments-/Brigade-/Divisions- oder Korpsbefehle.

            Schöne Grüße
            Markus Stein

            "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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            • Spaen
              Erfahrener Benutzer
              Sous-Lieutenant
              • 26.04.2020
              • 387

              #7
              "Wie authentisch sind die regelmäßigen künstlerischen Darstellungen von Krätzchen tragenden Soldaten im Gefecht?" - Nur bei Verlust des Helms oder Verwundung realistisch.

              "Gute Frage Hermod-1871, aber eine definitive Antwort kann ich dazu leider nicht geben. Es stimmt, in der Regel wurde der Helm im Gefecht getragen, auf Märschen oder im Biwak könnte aber auch die Feldmütze genehmigt worden sein."

              Da hast du völlig recht. Eine definitive Antwort, wo und wann hat vielleicht diese oder jene Einheit im Gefecht eine Mütze statt einen Helm getragen hat, ist nach meinem derzeitigen Kenntnisstand kaum möglich.

              Grundsätzlich wurde in den sogenannten Einheitskriegen der Helm getragen.
              Seit den Befreiungskriegen war es in Preußen Brauch, dass in allen höheren Stäben meistens Mützen getragen wurden. Erlaubt war das für Generale, Generalstabsoffiziere, Adjutanten und im Stab anwesende höhere Persönlichkeiten. Eine Ausnahme bildete der preußische König Wilhelm I. mit seinem engsten Personenkreis die ständig Helm trugen.
              Mützen trugen offiziell weiterhin:
              Fahrer der Artillerie- und Infanterie- Munitionskolonnen
              Öekonomiehandwerker der Train- Bataillone
              Trainsoldaten der Truppen
              Trainsoldaten der Train- Bataillone (nicht grundsätzlich)
              Krankentransportkompanien
              Sanitätspersonal (teilweise trugen höhere Ärzte Helme)
              Feldpost

              Die Einsicht in die Generalstabswerke 1864,1866 und 1870/71 brachte zu dem Thema keinen Hinweis.
              Auch ein Dutzend in Frage kommender Regimentsgeschichten, die ich dafür durchblätterte brachten keine Ergebnisse. Für eine Durchsicht aller Infanterie-Regimentsgeschichten fehlt mir bei dem zu erwartenden Ergebnis im Moment die Lust.

              Ich möchte vielleicht noch auf den Sonderfall des Mecklenburgischen Dragoner-Regiments Nr.18 hinweisen, das zum Feldzug 1866 in Mützen ausgerückt ist. Der Grund dafür ist die Abschaffung der Helme am 15.Oktober 1864.

              Abschließend ein allgemein bekanntes Beispiel der Verwendung von Mützen im Gefecht aus dem Krieg 1864.

              Im Feldzug wurden zu mehreren Anlässen Mützen getragen. So auch beim Sturm auf die "Düppeler Schanzen".
              Geschichte des 3. Garde-Regiments zu Fuß aus 1891, Seite 121:
              " In der dritten Parallele waren schon seit 3 Uhr die Sturmkolonnen in Mütze, Lederzeug, gerolltem Mantel......eingetroffen."

              Und das Bild-Beispiel dazu.

              düppel.jpg
              Habe ich noch vergessen. Das Coburg-Gothaische Füsilier-Regiment trug 1866 in der Schlacht bei Langensalza definitiv Mützen!

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              • admin
                Administrator
                Colonel
                • 30.09.2006
                • 2979

                #8
                Danke für die Ergänzung, Spaen ... interessant dass auch 1864 bei einer Garde-Einheit die Mütze getragen wurde, wie ja auch die von mir recherchierbaren Einheiten für 1866 ebenfalls von der preußischen Garde waren.

                Noch ein Hinweis zu den Mecklenburgern, nicht nur die Dragoner, sondern alle Einheiten gingen in der markanten Mütze in den Krieg von 1866, der für sie aber eher glimpflich und mit geringen Einsätzen verlief.

                Schöne Grüße
                Markus Stein
                "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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                • Sans-Souci
                  Erfahrener Benutzer
                  Colonel
                  • 01.10.2006
                  • 2147

                  #9
                  Gab es eine Begründung, weshab die Helme zurückgelassen wurden ? Zu schwer und unbequem ? (Was wiegt ein Standard-Infanterie-Helm übrigens?) Keine Befürchtung mehr, sich vor Säbelhieben der Kavallerie schützen zu müssen ?

                  Im Juli 1787 hatten zum Beispiel die beiden damals nach Holland ausrückenden preußischen Kürassier-Regimenter ““zur Erleichterung des weiten Marsches und in Betracht des dadurch zu vermindernden Verlustes bey den Desertionen” ihre Brustpanzer (16-18 Pfund Gewicht) zurückgelassen.

                  Doch Desertionen waren in den deutschen Armeen 1864-1871 kein echtes Thema mehr ?

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                  • admin
                    Administrator
                    Colonel
                    • 30.09.2006
                    • 2979

                    #10
                    Aber um umgekehrt die Bedeutung des Helms herauszustellen, hier eine Zeichnung aus dem Soldaten-Freund des Jahrgangs 35 (1867-1868), wahrscheinlich aus der Feder von Ludwig Burger, die einen preußischen Musketier bei der Überquerung der Thaya zeigt - und "natürlich" trägt er den Helm:

                    PR_Musketier_UeberquerungThaya_SoldatenFreund_Jg35.jpg

                    Schöne Grüße
                    Markus Stein
                    "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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                    • admin
                      Administrator
                      Colonel
                      • 30.09.2006
                      • 2979

                      #11
                      Zitat von Sans-Souci Beitrag anzeigen
                      Gab es eine Begründung, weshab die Helme zurückgelassen wurden ? Zu schwer und unbequem ? (Was wiegt ein Standard-Infanterie-Helm übrigens?) Keine Befürchtung mehr, sich vor Säbelhieben der Kavallerie schützen zu müssen ?
                      So schwer war er nicht, aber ich denke, es ist auch dem heißen Wetter im Sommer 1866 geschuldet gewesen, dass fast alle Nationen - und Preußen zähle ich da nicht darunter, da nur anekdotisches Vorkommen - ihre primäre Kopfbedeckung zurückgelassen haben.

                      Die Angst vor Säbelhieben war - glaube ich - nicht mehr so wie noch zur Napoleonischen Zeit gegeben, zum einen weil die Gewehre wirksamer auch auf größere Entfernungen waren, zum anderen auch das Bajonettfechten sicher eingeübt wurde.

                      Schöne Grüße
                      Markus Stein
                      "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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                      • Sans-Souci
                        Erfahrener Benutzer
                        Colonel
                        • 01.10.2006
                        • 2147

                        #12
                        Was trägt der Soldat auf der Zeichnung in dem Säckchen um seinen Hals ?

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                          Colonel
                          • 30.09.2006
                          • 2979

                          #13
                          Das ist wirklich sehr grob gezeichnet, aber es dürfte sich um das Koppel mit den Patronentaschen sowie vielleicht - aber schwer zu erkennen - das Kochgeschirr sein.
                          "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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                            Colonel
                            • 30.09.2006
                            • 2979

                            #14
                            Ach jetzt sehe ich es - das Säckchen ... Tabak?
                            "Wenn wir geboren werden, weinen wir, weil wir diese große Narrenbühne betreten" (King Lear) ... jedem also sein ganz persönliches (Hof-) Narrenleben

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