Die miese Übersetzungsqualität überrascht mich nicht. Wie ich schon zu Beginn dieses Threads geargwöhnt hatte (Beitrag #3):
"Mich interessiert vor allem auch, ob die deutsche Übersetzung gegenüber dem englischen Original abfällt. Ich habe da schon ganz üble Verhunzungen gesehen, selbst bei renommiertesten Verlagen."

Mir ist klar, dass ich jetzt gleich eine Menge Haue beziehen werde, muss aber dennoch sagen, dass mich dieses Werk nicht vom Hocker reisst und ich eine Anschaffung keinesfalls für ein Muss halte. Meine rein subjektive Wertung, wie ich betonen möchte.
Ich habe mir das Werk in englischer und deutscher Version angesehen. Nur überflogen, wie ich zugeben muss, aber trotzdem:
Beim Durchblättern scheint sich mir die schon vorab geäusserte Vermutung zu bestätigen, dass das Interessanteste an diesem Buch Anmerkungsteil und Bibliographie sind. Im Anmerkungsteil, dem sogenannten "kritischen Apparat" also, scheint mir allerdings recht häufig in eher oberflächlicher Manier auf Lievens eigene Zeitschriftenaufsätze und Bücher verwiesen zu werden. In der Bibliographie wird auf jede Menge Fachliteratur hingewiesen, was insbesondere für Interessierte nützlich ist, die der russischen Sprache mächtig sind und sich weiter ins Thema einarbeiten wollen (so sie überhaupt in der Lage sind, an die entsprechenden Quellen bzw. die einschlägige Literatur heranzukommen). Ich persönlich hätte mir etwas mehr Substanz im Werk selber gewünscht, also nicht nur Titelangaben mit Seitenzahlen etc. sondern bspw. wesentlich mehr Zitate, in Übersetzung und Originalsprache, wenn möglich.
Der Haupttext erschien mir teils ziemlich langfädig, teils banal, teils pathetisch. Auf die Dauer langweilen die im Prinzip doch ziemlich repetitiven Schlachtendarstellungen oder Beschreibungen der tollen Leistungen der russischen Logistik, der tapferen russischen Soldaten, etc., etc. Und die ständige Beweihräucherung Alexanders. Beispiel: Alexander, der heimliche Reformator. Weshalb? Bloss weil er Ludwig XVIII. nicht mochte? So what? Hätte er den reformorientierten Kräften mal lieber zuhause zum Durchbruch verholfen, statt sich selber aus der Poltik zurückzuziehen und erzreaktionären Kräften wie Araktschejew und schliesslich seinem Bruder Nikolaus das Feld zu überlassen. Alexander mag eine enigmatische Figur gewesen sein - ein Idealist, ein Frömmler, was auch immer - für mich jedenfalls war er unterm Strich keine positive Figur.
Wie schon früher gesagt, bringt das Buch m. E. nicht wirklich substantielle neue Erkenntnisse. Kommt mir manchmal so vor als hätte sich hier eine Brite russischer Abstammung einfach nur einen Minderwertigkeitskomplex vom Leib schreiben müssen.
Generell scheint mir das Buch vom Konzept her nicht gelungen. Persönlich hätte ich ein Werk in der Art der "...in Augenzeugenberichten"-Reihe vorgezogen. Also jedem Kapitel eine das Wesentliche umfassende und aufs Wesentliche hinweisende Zusammenfassung vorangestellt und dann zeitgenössisches Material sprechen lassen, wobei die einzelnen Berichte vom Autor lediglich mit erläuternden Einschüben sachgerecht und sinnvoll miteinander verbunden werden. Die Zitate übersetzt im Text, die Zitate in der Originalsprache, mit allen Quellenhinweisen und gegebenenfalls weiteren Erläuterungen, in den Anmerkungen.
Die Anmerkungen bitte unten auf der Seite, nicht irgendwo hinten im Buch, wo der zu jedem Kapitel gehörende Anmerkungsteil erst gesucht werden muss. Ich weiss, dafür kann der Autor nichts, wohl aber die Verlage. Ich halte dieses System für ausgesprochen leserunfreundlich.
Die beigefügten "Karten" verdienen diesen Namen meines Erachtens nicht. Das sind ja bloss einfachste Strichzeichnungen mit ein paar beschrifteten Punkten und gestrichelten Linien. Völlig unzureichend.
Nebst haufenweise zeitgenössischen Zitaten hätte ich gerne auch haufenweise zeitgenössische Illustrationen gesehen. Auch hier Fehlanzeige. Zwei Blöcke zu etwa sechs Seiten. Der erste Block mit Portraits russischer Generale etc. Nett, aber zum Verständnis des Textes nicht unbedingt notwendig, vor allem aber nicht neu. Die waren doch schon vor Jahrzehnten bspw. in den Büchern von Tranié und Carmigniani zu sehen. Der zweite Block ist ja gänzlich überflüssig. Ein paar wirklich billig gemachte Uniformtafeln, dazu ein paar weitere Illustrationen zur Ereignisgeschichte, darunter kaum zeitgenössisches Material, vielleicht zwei oder drei Abbildungen (nichts Neues, nichts Sensationelles). Darauf hätte ich verzichten können.
Mein persönlicher Entscheid: Ich schaffe mir dieses Buch nicht an.
Guten Rutsch und ein glückliches und gesundes 2012.
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